Das Restaurant der Zukunft | EAT SMARTER
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Das Restaurant der ZukunftDurchschnittliche Bewertung: 5151
26. Mai 2015

Das Restaurant der Zukunft

Im Restaurant der Zukunft kommt das Fleisch aus dem Labor Im Restaurant der Zukunft kommt das Fleisch aus dem Labor

EAT SMARTER-Bloggerin Hanni Rützler hat einen Tisch im weltweit ersten In-Vitro-Restaurant bestellt. Dort stehen unter anderem "tierfreundliche Gänseleber" und "gestricktes Steak" auf der Speisekarte. Einen Platz im Restaurant der Zukunft zu ergattern, ist allerdings eine langwierige Angelegenheit...

Seit Anfang Mai 2015 hat das weltweit erste In-Vitro-Restaurant seine Pforten geöffnet. Und heute habe ich dort einen Tisch für zwei Personen reserviert. Ich konnte mir auf der illustrierten Speisekarte schon vorab mein Menü zusammenstellen und habe mich nach kurzem Überlegen dafür entschieden, als Vorspeise nicht die „Tierfreundliche Gänseleber“ zu wählen, sondern In-Vitro-Austern und dann noch Jakobsmuscheln mit Beluga-Caviar (natürlich auch aus Stammzellen im Labor gezüchtet). Als Hauptgang wählte ich ein „Gestricktes Steak“ und zum Dessert „Fleischfrüchte“, die ein wirklich neues Geschmackserlebnis versprechen: Eine Mischung von In-Vitro-Fleisch und Früchten, die appetitlich wie Beerenkonfekt angerichtet wird.

Einen kleinen Bissen eines Burgers mit In-Vitro-Fleisch dufte ich ja schon vor zwei Jahren in London bei der öffentlichen Präsentation dieser wissenschaftlichen Innovation verkosten. Und jetzt brenne ich vor Neugierde, wie mir das Zukunftsmenü mit all den anderen neuen In-Vitro-Kreationen schmecken wird. Freilich: Ich werde mich in Geduld üben müssen – zumindest bis zum 8. März 2028. Vorher war noch kein Tisch im In-Vitro-Bistro zu bekommen. Nicht weil so viele andere Interessierte mit ihrer Reservierung schneller waren, sondern weil die Köche – unter anderem Simone Zanoni, langjähriger Chef im Londoner 3-Sterne-Restaurant von Gordon Ramsay – noch etwas länger auf ihre Ausgangsprodukte warten müssen. Denn noch ist die Herstellung von In-Vitro-Fleisch und -Fisch nicht „serienreif“ – und das Restaurant existiert vorerst nur virtuell. Aber die Website bietet schon jetzt einen anregenden Einblick in die Möglichkeiten eines Restaurants der Zukunft.

Ich weiß, vielen Lesern und Leserinnen wird bei der Lektüre der virtuellen Speisekarte nicht das Wasser im Mund zusammenlaufen. Genauso wie sich viele nicht wirklich dafür begeistern können, eine Wurst zu essen, die nicht aus Fleisch, sondern aus Soja hergestellt wird – auch wenn sie bei einer Blindverkostung vielleicht gar keinen Unterschied feststellen könnten. Andere haben die fleischlose Wurst längst in ihren Speiseplan integriert. Auch viele andere vegane Ersatzprodukte, die Fleisch- und Wurstwaren sowie Milchprodukte ohne tierische Ausgangsprodukte geschmacklich und optisch simulieren. Und ihre Motivation dafür unterscheidet sich nicht wesentlich von den Motivationen, die Wissenschafter dazu antreibt, Fleisch im Labor zu züchten: Sie suchen Alternativen zur herrschenden Praxis der industriellen Massentierzucht, die ohne Tierleid und ohne ökologische Kollateralschaden nicht machbar ist und die – angesichts des Bevölkerungswachstums und der wirtschaftlichen Entwicklung in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern – weltweit weiter zunehmen wird. Auch wenn der Fleischkonsum in den USA und Europa stagniert.

Das virtuelle In-Vitro-Restaurant, in dem auch Sie schon heute einen Tisch bestellen können, ist vorerst nur eine Zukunftsvision. Aber sie basiert auf einem technisch machbaren Szenario. Und es hat in der Geschichte der Menschheit noch keine Vision gegeben, die, wenn ihre technische Realisierung möglich wurde und von ausreichend vielen Menschen als kulturell sinnvoll eingeschätzt wurde, nicht auch praktisch eingelöst wurde. Viele technische Probleme, die einer seriellen In-Vitro-Fleisch-Produktion heute noch im Wege stehen, lassen sich bis zum 28. März 2028 vermutlich tatsächlich lösen. Und der kulturelle Wandel, der immer auch eine Folge technischer Entwicklungen ist, wird in den nächsten 20 Jahren auch unsere heutigen Vorbehalte gegen diese Technologie deutlich verringern. Nicht zuletzt, weil sie eine Antwort auf viele zukünftige Herausforderungen und Lösungen für aktuelle Probleme bietet.

Ihre Hanni Rützler

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