Essen aus dem 3-D-Drucker | EAT SMARTER
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Essen aus dem 3-D-DruckerDurchschnittliche Bewertung: 3152
15. September 2015

Science-Fiction für Foodies

Essen aus dem 3-D-Drucker

3-D-Drucker sind mehr als eine bloße Spielerei – im Nahrungsmittelbereich könnten sie helfen, wichtige Versorgungslücken zu schließen. Welche Rolle Heuschrecken und Krankenhauskost dabei spielen, erklärt Trendforscherin Hanni Rützler

Eine Köchin druckt mit einem 3-D-Drucker Muster aus Leber-Paté

(Foto: Bocusini by Print2Taste) „Mit dem Essen spielt man nicht!“ Das war eine der Ermahnungen, die ich in meiner Kindheit immer wieder zu hören bekam, wenn ich die Erbsen lieber auf dem Teller hin und her rollen ließ, statt sie aufzuessen. Heute bekommen Kinder das vermutlich nicht mehr oft zu hören. Denn wir wissen: Der spielerische Umgang mit Essen macht Kinder eher neugierig auf unbekannte Lebensmittel, Speisen und Geschmäcker und legt damit die Basis für eine ausgewogene Ernährung.

Bald aber könnte in unseren Haushalten eine ganz neue Form des Spielens mit dem Essen Einzug halten, an der nicht nur die Kleinsten Freude haben. Anfang des kommenden Jahres sollten - so die Ankündigung einiger Hersteller wie etwa der deutschen Print2Taste GmbH – die ersten 3-D-Food-Printer für den Privatgebrauch in den Handel kommen. Und der „Bocusini“ – so nennt sich das Gerät des Freisinger Start-Up-Unternehmens – könnte dann auch Papas neues Spielzeug werden und der Modelleisenbahn den Rang ablaufen.

Nicht zufällig wird der kleine 3-D-Printer für die heimische Küche auch als „plug&play food printer“ beworben. Es geht zunächst ums Spielen: Die Geburtstagstorte für Opa mit einem Zuckerschriftzug in der Handschrift der achtjährigen Enkelin zu verzieren, das Kartoffelpüree in der Form eines Oktopus mit Tentakeln und Glubschaugen zu servieren oder aus Marzipan raffinierte Muster über das Eis-Dessert zu drapieren.

3-D-Drucker für Fruchtgummi und Kekse

Das spielerische Moment, das die neue Technologie mit sich bringt, sowie die sich daraus ergebenden Gestaltungsmöglichkeiten interessiert – auf gewerblicher und industrieller Ebene – natürlich in erster Linie Süßwarenhersteller und Konditoren, die schon immer mit Ornamenten und fantasievollen Formen hantieren: Katjes kündigt eine „Magic Candy Factory“ an, einen 3-D-Drucker für essbaren Fruchtgummi, der die bunten Leckerlis in beliebigen und ganz individuellen Formen produzieren kann.

Auch bei Nestlé und vielen anderen Lebensmittelkonzernen arbeiten Forscher in den Entwicklungsabteilungen daran, sinnvolle Anwendungsmöglichkeiten der neuen Technologie jenseits des bloßen Fun-Faktors zu finden. Denn darin liegt die Krux des auf den ersten Blick so faszinierenden Verfahrens, Speisen in beliebigen Formen einfach „ausdrucken“ zu können. Wirtschaftliche Zukunftspotentiale hat der 3-D-Food-Printer nämlich erst, wenn er auch sinnvolle Ess- und Ernährungsinnovationen anzustoßen in der Lage ist. Neue Nudel-, Keks- und Konfektformen – zusätzlich zu den aberhunderten, die schon mit herkömmlichen Techniken möglich sind – reichen dafür nicht aus. 

Proteinkekse aus Frischkäse und Insekten

Interessanter ist da schon der Ansatz der britischer Designerin und Forscherin Susana Soares, die im Zuge ihres „Insects Au Gratin“-Projekts den 3-D-Drucker mit anderen als heute in unserer Ernährung üblichen Ausgangsprodukten „füttert“: Mit Insekten, die zu Mehl vermahlen und mit Frischkäse gemischt werden und als dekorative „Kekse“ mit hohem Proteinanteil aus dem Drucker kommen. Ein Projekt, das nicht zuletzt daran erinnert, dass es oft erst neue Technologien sind, die vorhandene Rohstoffe zu wertvollen Ausgangsprodukten machen.

So wie einst erst die Erfindung des Verbrennungsmotors eine sinnvolle und profitable Anwendung für Erdöl generierte, für das es zunächst – außer als Brennstoff für Petroleum-Lampen – keine Verwendung gab, so könnte der 3-D-Drucker auch die Nutzung der reichlich vorhandene Proteinquelle für die menschliche Ernährung ermöglichen, auch für jene unter uns, denen der Biss in eine Heuschrecke nicht ganz geheuer ist.

Weitere sinnvolle Anwendungsmöglichkeiten werden in der Altenverpflegung erprobt: Da viele ältere Patienten unter Beiß- und Schluckproblemen leiden, bekommen sie oft nur zu Mus verarbeitetes Essen, das optisch meist völlig unattraktiv ist. Der 3-D-Drucker könnte es in kulinarisch ansprechende Form bringen und damit wieder die Lust am Essen fördern. Die Fantasien der Print2Taste-Macher gehen noch einen Schritt weiter: Sie träumen von 3-D-Food-Printers, die - basierend auf Blutproben und DNA-Analysen - personalisierte, auf den individuellen Nährstoffbedarf einzelner Esser zugeschnittene Speisen produzieren.

Ein Science-Fiction-Szenario, mit dem der „Bocusini“ aus der kulinarischen Spielwarenabteilung in die Fachgeschäfte für Krankenhaus- und Gastronomiebedarf übersiedeln könnte.

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Hanni Rützler
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