Essen ist die neue Kunst | EAT SMARTER
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03. März 2015

Essen ist die neue Kunst

Essen hat heutzutage viel mit Kunst zu tun. © Boris Ryzhkov Essen hat heutzutage viel mit Kunst zu tun. © Boris Ryzhkov

Was Essen mit Kunst zu tun hat? Sehr viel, sagt Food-Trendexpertin Hanni Rützler. In ihrem Blog erklärt sie, inwiefern die Komponenten zusammenhängen.

Um Kunst zu sehen, muss man heute nicht mehr ins Museum oder in Galerien gehen. Ein Besuch in einem der international gefeierten Spitzenrestaurants tut es auch. Freilich kostet das Vergnügen deutlich mehr, aber man kann die Kunstwerke, die auf den Tellern serviert werden, dafür nicht bloß mit den Augen genießen, sondern mit allen Sinnen: Man kann sie riechen, schmecken, ertasten, ja nicht selten sogar hören, wenn man zum Beispiel in eine fein gehobelte, getrocknete Pastinake beißt. Und man verlässt die Esskunsttempel nicht nur ästhetisch angeregt, sondern meist auch satt und – denkt man nicht gleich ans Minus auf dem Konto – zufrieden: Die kleinen Portionen essbarer Kunst, die man bei Heinz Reitbauer im Wiener „Steirereck“, bei Harald Wohlfahrt in der Baiersbronner „Schwarzwaldstube“, in Joachim Wisslers Bergisch Gladbacher „Vendôme“ und vielen anderen Restaurants der Extraklasse serviert bekommt, werden durch die Anzahl der Gänge mehr als kompensiert.

Auch wenn „schöner Essen“ keine neue Erfindung ist – man denke nur an die inszenierten höfischen Banketts in der Barockära oder auch an die klassischen Gerichte von August Escoffier, dem weltberühmten französischen Küchenmeister des 19. Jahrhunderts –, so hat „Food Design“ heute doch eine völlig neue Qualität erreicht. Vor allem dadurch, weil es sich von den Küchen und Restaurants „befreit“ hat und zu einer eigenständigen Kunstform geworden ist. Sei es bei der Gestaltung von Kochbüchern (die – auch was ihre hochwerte und aufwendige Gestaltung betrifft – zum Teil die Rolle von Ausstellungskatalogen und Kunstbänden übernommen haben) oder sei es in Form der Food-Fotografie (die nicht mehr bloß der Bebilderung von Rezepten dient, sondern – wie etwa das Projekt „nameIT“ der Wiener Food-Artists Petra Schmidt und Sasa Asanovic – als autonome Kunst konzipiert und ausschließlich für Ausstellungen umgesetzt wird). 

Schließlich ist Essen für immer mehr Künstler und Künstlerinnen – wie etwa für die Japanerin Ayako Suwa – das ausschließliche Medium ihrer Kunst. Gibt man ihr ein Wort, eine Farbe oder eine Marke, entwickelt sie appetitliche Werke rund um den jeweiligen Geschmack. Von Tokio aus hat sie für Galerien, Magazine und Luxusmarken wie Gucci und Veuve Cliquot essbare Installationen entwickelt.

Dass Essen nicht nur künstlerisch gestaltet sein kann, sondern auch andere Funktionen von der Kunst übernommen hat, vor allem die Funktion gesellschaftlicher Distinktion, das heißt der bewussten Abgrenzung von Angehörigen bestimmter sozialer Gruppen, kann man daran erkennen, dass man heute einen höheren gesellschaftlichen Rang nicht mehr damit zum Ausdruck bringt, dass man etwas über Mozart, Shakespeare, Leonardo oder Roy Liechtenstein weiß, sondern den Unterschied zwischen Ganache und Kuvertüre erklären kann.

Das kann man von einem kulturpessimistischen Standpunkt aus belächeln oder als Zeichen des Untergangs des Abendlandes beklagen. Man kann in der wachsenden Bedeutung, die das „schöne Essen“ erlangt, aber auch eine durchaus positive Entwicklung sehen: Denn die wirklich schönen Dinge des Lebens, darauf hat der Philosoph Konrad Paul Liebmann hingewiesen, sind auch deshalb schön, weil sie nicht nur unseren Sinnesorganen schmeicheln und unseren Geschmack befriedigen, sondern uns auch eine Ahnung davon vermittelt, was es hieße, „ein zumindest in Momenten geglücktes Leben zu führen.“ Das ist vermutlich auch der Grund, warum wir uns selbst zu Hause immer wieder einmal darum bemühen, die Esskunstwerke der Spitzenköche einigermaßen nachzukochen oder zumindest liebevoll den Tisch dekorieren.

Ihre Hanni Rützler

 

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