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Food-Trends
Foodstyling - Schöner essenDurchschnittliche Bewertung: 5152
24. November 2015

Foodstyling - Schöner essen

"Das Auge isst mit" – dieser Spruch gilt in Zeiten von Instagram und Co. mehr denn je. Trend-Bloggerin Hanni Rützler über Foodstyling als kulinarische Pop-Kultur.

Das Schöne an der Schönheit, meint der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann, sei, dass man von ihr reflexartig auch das Gute erwarte. Ähnlich hat es schon der französische Schriftsteller Henry Stendhal formuliert: „Schönheit ist das Versprechen von Glück.“

Lisa Bonet (Bean-et?) #halloween

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Food-Styling: Trend mit Vergangenheit

Das ist gewiss auch der Grund, warum wir nicht nur gut kochen, sondern das „gut“ Gekochte dann auch schön präsentieren wollen. Der Hausfrau und dem Hobbykoch geht es da nicht anders als Sterneköchen. Und selbst wenn wir wissen, dass Food-Styling heute auch oft eingesetzt wird, um über mediokre Qualität hinwegzutäuschen, fällt es uns umgekehrt trotzdem schwer zu glauben, dass eine Speise gut sein kann, wenn sie nicht auch „schön“ ist.

Schon immer haben Menschen auf die optische Präsentation von Speisen großen Wert gelegt; in jedem Kunstmuseum finden wir großartige Stillleben mit ebenso üppig wie anmutig arrangierten Speisen, kunstvoll gestaltete Trinkgefäße, Teller, Schüsseln und Bestecke, die dies bezeugen. „Schöner Essen“ – im Trend-Jargon auch „Essthetik“ genannt – ausgerechnet jetzt als aktuellen Trend auszumachen, scheint daher ein wenig gewagt.

Und dennoch: Mit dem Aufkommen der neuen Medien, der digitalen Fotografie, der Videotechnik und des Internets hat ein massiver Wandel unserer Sinneswahrnehmung eingesetzt, welcher der Speisenpräsentation inklusive aller dafür nötigen Accessoires einen gänzlich neuen Stellenwert verleiht. Durchaus vergleichbar mit Entwicklungen in der Popmusik im Zeitalter der Musikvideos, die dazu geführt haben, dass wir unsere Wertschätzung über einen Song mehr und mehr über dessen optischen Auftritt definieren.

Und so wie Musikproduzenten Songs mit Videobildern „aufwerten“, werden heute auch Lebensmittel und Speisen optisch „verbessert“, wächst die Anzahl der Designer, die Essgeschirr und Bestecke entwerfen sowie die Anzahl der Gastronomiebetriebe, die ihre Menüs nicht mehr auf weißen Normtellern servieren, sondern auf individuell designte Schälchen, Platten und Tassen setzten.

Die Präsentation als i-Tüpfelchen

Und so ist es nicht überraschend, dass die ästhetische Erfahrung, die man in guten Restaurants machen kann, der kulinarischen oft ebenbürtig ist. Idealerweise ergänzen sie sich; dann nämlich, wenn das optische Versprechen von Glück auch sensorisch eingelöst wird, wie etwa im Wiener Restaurant „Steirereck“, wo Küchenchef Heinz Reitbauer seine kulinarischen Kreationen nun auf handgemachten Tellern der österreichischen Keramikerin Petra Lindenbauer serviert. Lindenbauers Entwürfe korrespondieren dabei kongenial mit den „Werten“, die für die Küche des „Steirerecks“ stehen: Die rauen, unglasierten Ränder der Teller entsprechen dem gastronomischen Fokus auf frische, natürlich und pure Ausgangsprodukte, der schimmernde Glanz im glasierten Zentrum der Teller bietet den perfekten Hintergrund für die Präsentation der kunstvoll arrangierten Speisen.

Da das optische Versprechen die kulinarische Erwartungshaltung steigert, ist das „schöne“ Tafel-Design auch stets eine Herausforderung an den Koch und die Köchin, mit ihren Produkten das Niveau zu halten, das ihnen die Designer vorgelegt haben. Für uns Konsumenten hat dieser Trend auch noch eine weitere angenehme Nebenwirkung: Schön arrangiertes und präsentiertes Essen verlangsamt, wenn wir auch das ästhetische Erlebnis auskosten wollen, automatisch unser Esstempo. So stellt sich Sättigung früher ein und wir werden nicht verführt, mehr zu essen.

Dass dieser Effekt durch ein vielgängiges Degustationsmenü konterkariert wird, ist klar. Aber wir essen ja nicht jeden Abend in Gourmetrestaurants. 

Hanni Rützler

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