Kochen ohne Buch | EAT SMARTER
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Food-Trends
Kochen ohne BuchDurchschnittliche Bewertung: 5151
27. Oktober 2015

Kochen ohne Buch

Auch wenn auf der Buchmesse in Frankfurt gerade wieder unzählige Neuerscheinungen die Stände der Verlage überquellen haben lassen - von Hochglanz-Rezeptbüchern vieler Spitzenköche über praktische Kochtipps von TV-Prominenz bis hin zu den heiligen kulinarischen Schriften von Diätaposteln jeglicher Provenienz - so kann das nicht darüber hinwegtäuschen, dass gedruckte Rezepte in Buchform nicht mehr das eherne Fundament unserer alltäglichen Kochpraxis bilden.

Koch mit Tablet und in der Luft herumwirbelnden Zutaten

Denn gerade die Generation, die – zunächst von Jamie Oliver dazu animiert – wieder Lust aufs Kochen bekommen hat und mit Hilfe von YouTube-Videos die ersten Schritte in der Küche macht, googelt lieber schnell nach einer Anleitung, um aus Maisgrieß eine cremige Beilage zu kochen, statt in dicken Schriften im – allzuoft unzureichenden – Register nach dem Stichwort Polenta zu suchen. Das Smartphone steckt ja in der Hosentasche und das Tablet liegt oft neben dem Schneidebrett.

Dem gedruckten Kochbuch wird es wohl ähnlich ergehen wie der Langspielplatte aus Vinyl: Es wird als schönes Sammlerstück im Regal landen und höchstens in Mußestunden zur Hand genommen. Als Gebrauchsgegenstand im Alltag hat es für die Generation „Nützen-statt-Besitzen“ weitgehend ausgedient.

Das Internet hat damit nicht zuletzt auch die Rezepturen demokratisiert. Statt der geheimgehaltenen Tipps, die Oma und Uroma handschriftlich an den Rand ihrer Rezeptsammlungen geschrieben haben, die sie nur nach reiflicher Überlegung an eine der Töchter oder Schwiegertöchter weitergereicht haben, können nun auch Söhne und Enkel mit ein paar Klicks hinter die Geheimnisse einer perfekten Tarte Tatin gelangen.

Dass es dann – wie in der Rezeptdatenbank von EAT SMARTER – gleich 68 verschiedene Rezepte sind, mag heute wohl nur mehr jene verwirren, die noch mit klassischen Kochbüchern aufgewachsen sind. Die kochenden „Digital Natives“ (die mit dem Internet aufgewachsen sind) dagegen navigieren mit Hilfe praktischer Filter locker durchs Rezeptarchiv, bis sie das Richtige für sich gefunden haben.

Noch nie war Kochen so einfach wie heute

Und Foodies, die ambitionierte Foodblogs verfolgen, bekommen immer wieder auch Einblicke in Küchentechniken, die sonst allenfalls in Fachkreisen beschrieben und unter Profiköchen diskutiert werden.

Das heißt: Noch nie war es so einfach sich tiefgreifendes Kochwissen anzueignen, wie heute dank des World Wide Web. click & tweet

Heute wissen viele kochende Hausfrauen und -männer oft nicht nur wie, sondern auch warum ein Rezept so und nicht anders zubereitet werden muss. Dass, wie bei vielen anderen Themen, im Netz auch zum Thema Essen und Kochen viel Unsinn verbreitet wird - und manche Koch-Websites zum willkürlichen Sammellager von Rezepten verkommen, ist eine Nebenerscheinung der Demokratisierung, mit der man zumindest auf der Ebene von Rezepten durchaus leben kann: Im schlimmsten Fall gelingen sie einfach nicht. Das kann einem aber auch bei klassischen Kochbüchern passieren.

Natürlich kann man bedauern, dass viele im Internet veröffentlichten Rezepte nicht so sorgfältig redigiert, mehrfach getestet und approbiert sind wie in gut gemachten Büchern renommierter Kochbuchverlage. Die kochenden Digital Natives stört das aber deutlich weniger als die mit Kochbüchern sozialisierten KöchInnen: Sie gehen mit den Rezepten genauso intuitiv und spielerisch um wie mit Computern und Smartphones. Und eigentlich ist das das eigentlich Lustvolle und Kreative am Kochen. Ich habe einen solchen Umgang mit Rezepten übrigens aus einem mittlerweile über zehn Jahre altem Kochbuchklassiker gelernt – aus „Hemmungslos kochen“ (welches Sie über den Link kaufen können) von Karl und Rudi Obauer.

Hanni Rützler

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