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28. April 2015

It's the portion on the plate, stupid!

Lebensmittel werden häufig verschwendet. © highwaystarz - Fotolia.com Lebensmittel werden häufig verschwendet. © highwaystarz - Fotolia.com

Vor über 20 Jahren erfanden die Wahlkampfstrategen von Bill Clinton einen Slogan, der Geschichte machte: „It's the economy, stupid!“ Frei übersetzt: Es kommt auf die Wirtschaft an, Dummkopf! Das längst geflügelte Wort wurde seit dem auch in vielen anderen Variationen gebraucht, um pointiert ein zentrales Kriterium zum Ausdruck zu bringen, von dem vieles andere abhängt. Dass die jeweils aktuelle wirtschaftliche Entwicklung den Ausgang von Wahlen stark beeinflusst, ist uns klar (auch wenn wir selbst darauf kaum Einfluss haben).

Bei anderen Dingen ist uns das nicht immer so bewusst, auch wenn es eigentlich auf der Hand liegt – zum Beispiel die entscheidende Rolle, die die übliche Portionsgröße von Speisen sowohl für den „Food Waste“ als auch für unseren „Body Mass Index“ spielt. Beide sind – statistisch gesehen – immer noch im Steigen, obwohl wir immer mehr gesellschaftlichen Anstrengungen unternehmen, die Verschwendung von Lebensmitteln (vor allem im Handel und im eigenen Haushalt) und endemisches Übergewicht zu minimieren. Bislang vergeblich. Und warum? Tja: It’s the portion on the plate, stupid!

Blickt man auf all die Maßnahmen und Vorschläge, die von diversen Organisationen und Initiativen im Zuge des auch von mir im „Foodreport 2014“ beschriebenen Trends „Reduce- and Re-use Food“ zum Thema Vermeidung von Lebensmittelverschwendung seit Jahren im Umlauf sind, dann ist man doch überrascht, wie sehr der Fokus dabei vor allem auf die komplizierte Logistik im Lebensmittelhandel einerseits und die unsystematische Einkaufs- und Vorratspraxis in den privaten Haushalten andererseits beschränkt bleibt. Und dass ein zentraler anderer Punkt nur selten zur Sprache kommt.

Der Journalist Christian Seiler, alles andere als ein Kostverächter, hat ihn unlängst in seiner Kolumne im Magazin des Schweizer Tagesanzeigers aber doch thematisiert: „In der bürgerlichen Gastronomie sind die Mengen riesig. Es herrscht noch immer die diffuse Angst vor dem Gast, der bei Bezahlen der Rechnung der Zahlkellnerin mitteilt, dass es wohl gut geschmeckt habe, dass er aber leider, leider auf dem Heimweg noch eine Wurst essen werde, weil ….“, ja, weil er von dem Menü oder dem Gericht nicht satt geworden sei. Wohlgemerkt, Seiler schreibt hier nicht von der Spitzengastronomie mit ihren Apotheker-Portionen (die allerdings meist in zehn- oder fünfzehnfacher Folge serviert werden), sondern über die Portionsgrößen in traditionellen Gasthäusern.

„Dieses Motiv“, so Seiler nach einem Besuch in seinem Zürcher Lieblingsrestaurant weiter, „ist für viele Gastgeber der Super-GAU. Lieber nehmen sie zur Kenntnis, dass kiloweise Pizokel, Rinderbacken oder Schupfnudeln zurück in die Küche getragen werden, als dass sie zum Beispiel einen Vermerk auf der Karte platzieren, dass man allen, die nach Verzehr des ersten Tellers nicht satt geworden sind, jederzeit einen zweiten Teller schöpfe und einen dritten und so weiter, bis sie die Gabel nicht mehr an die vom Fett glänzenden Lippen führen können.“

Natürlich ist das Probleme der Lebensmittelverschwendung auch damit nicht endgültig zu lösen, aber ein solcher Vermerk, ein solches Angebot, würde langfristig nicht nur einen Betrag zur Verringerung des „Food Waste“ leisten, sondern uns auch helfen weniger als zu essen, als uns meist lieb ist. Denn längst wissen wir, dass die Menge des Angebots bestimmt, wie viel wir essen. Und das gilt nicht nur im Restaurant, sondern auch am privaten Esstisch: Je mehr auf dem Teller liegt, desto mehr schaufeln wir in uns hinein. Die Optik des Angebots ist ein stärkerer Reiz als das Flehen unseres Stoffwechsels, nicht weit über den Hunger hinaus zu essen.

Wir können es ja zunächst einmal zu Hause üben: Kleinere, deutlich kleiner Portionen servieren und sie langsamer und bewusst genießen, gemeinsam darüber reden, warum es uns schmeckt oder nicht schmeckt. Und feststellen, dass uns auch die kleinere Portion satt gemacht hat. Und mit dieser Erfahrung beim nächsten Gasthausbesuch höflich auf eine kleinere Portion drängen. Weil: It’s the portion on the plate, stupid!

Ihre Hanni Rützler

 

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