Rauchen oder Terror – wo lauert wirklich Gefahr? | EAT SMARTER
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Dr. Kurscheid - der Fernseh-Arzt
Rauchen oder Terror – wo lauert wirklich Gefahr?Durchschnittliche Bewertung: 3.71518
06. Juli 2015

Rauchen oder Terror – wo lauert wirklich Gefahr?

kurscheid rauchen

Im Gespräch mit Patienten stelle ich immer wieder fest, dass Risiken falsch eingeschätzt werden. Das bestätigen auch Umfragen. Das was Menschen nicht steuern können, wird als gefährlicher eingeschätzt. Dagegen werden Gesundheitsrisiken meist unterschätzt.

Geschehnisse, über die regelmäßig berichtet wird, wie Flugzeugabstürze, Terrorangriffe und Kindesentführungen, werden dadurch von den Menschen als bedrohlicher eingeschätzt, als Risiken des normalen Alltags. So werden die Gefahren durch  Rauchen, schlechte Ernährung, Alkohol und fehlende Bewegung  vorzeitig zu sterben als vergleichsweise harmlos eingeschätzt, obwohl weitaus die meisten Menschen durch deren Folgen, nämlich Herzinfarkte, Schlaganfälle und Krebs  zu Tode kommen. Das Risiko des Rauchens wird im Durchschnitt von 72 % der Menschen unterschätzt (s. http://www.tagesbriefing.de/2015/05/27/tns-emnid-studie-rauchen-das-unterschaetzte-risiko/). Je jünger die Befragten waren, desto realistischer schätzten sie das Risiko ein. Der „Vorteil“ dieser tatsächlich hohen Todesrisiken ist, dass wir Sie selbst durch unseren Lebensstil beeinflussen können. Deshalb ist es um so wichtiger, sie zu kennen. So ist die Angst einer 40-jährigen Raucherin, die die Pille nimmt,  vor einem Flugzeugabsturz an sich völlig irrational. Denn die Risiken für diese Frau, auf dem Flug eine Thrombose (Verstopfung von Venen) und weitere Folgen zu erleiden, sind wesentlich größer. 

Auch die von vielen Ärzten beklagte Impfmüdigkeit ist Folge einer falschen Risikowahrnehmung. Dadurch, dass es Infektionskrankheiten heute in Ihrer schrecklichen Form (auch durch die Impferfolge!) nur noch selten gibt, werden sie von den Menschen als ungefährlich eingeschätzt. Wenn wie vor Einführung der Impfung gegen Kinderlähmung („Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam“)  immer noch verkrüppelte und gezeichnete Kinder und Erwachsene auf den Straßen zu sehen wären, hätten wir die Diskussion über Impfungen nicht. 

Beim Sicherheitsgurt, dessen Anlegen Pflicht ist, muss jeder immer wieder selbst entscheiden, ob er sein eigenes Risiko bei  einem Unfall senken will. Bei der Impfung geht es auch und vor allem um den Schutz der Anderen vor Ansteckung. So haben Eltern einerseits die Pflicht, die Frage der Impfung  für Ihre minderjährigen Kinder zu entscheiden.  Andererseits werden durch die Impfung von möglichst vielen Personen die Schwächsten der Gesellschaft  vor Ansteckung geschützt: Chronisch Kranke und Alte sowie Neugeborene und Kleinkinder. Warum schätzen wir nun viele Risiken falsch ein? Weil die Risikowahrnehmung vor allem eine emotionale Angelegenheit ist, die auf eigenen Erfahrungen beruht, weniger auf Fakten. Das macht eine Aufklärung über die wirklichen Risiken für die Gesundheit schwieriger, aber nicht unmöglich. So muss die 40-jährige Raucherin, die gleichzeitig die Pille nimmt  und aus Angst vor dem Fliegen nicht in ein Flugzeug steigt, erst einmal überhaupt erfahren, dass ihr Verhalten nicht rational ist. Genau darauf  sollten Ärzte im Gespräch hinweisen. Nach einer Studie von Prof. Heilmann findet aber genau das viel zu selten statt. Genauso wie das Gesundheitsrisiko durch Rauchen, zu wenig Bewegung und falsche Ernährung oft von Ärzten bagatellisiert wird, statt mit dem Patienten Klartext zu reden und ihm zu sagen, dass er 70% seiner Gesundheit selbst beeinflussen kann. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die meisten Patienten sich eigentlich eine realistische Einschätzung durch den Arzt wünschen.

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Noch um 1900 lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei ca. 45 Jahren. Die Menschen verstarben vor allem an Infektionen, Seuchen, Hüngersnöten, Kriegen oder arbeiteten sich buchstäblich kaputt. Daher starb kaum jemand (außer der damaligen „Oberschicht“) an Herzinfarkten und Tumoren, weiI das Erkrankungen sind, die hauptsächlich im höheren Lebensalter auftreten.
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