Digital Detox - Schalten Sie ab! | EAT SMARTER
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Immer online? Schalten Sie auch mal ab!Durchschnittliche Bewertung: 5152
15. Dezember 2015

Digital Detox

Immer online? Schalten Sie auch mal ab!

Smartphones, Internet, Onlinegames: Dank moderner Technik sind wir heute immer up to date und ständig erreichbar. Psychologe Prof. Christian Montag erklärt, wie man zu einem gesunden Umgang mit digitalen Medien kommt – und die Balance zwischen On- und Offline-Welt findet.

Onlinesucht

Man kann sich ein Leben ohne Internet und Smartphone kaum noch vorstellen. Dank technischen Fortschritts lebt sich das Leben nicht nur leichter – wir sind auch produktiver als früher: Apps übernehmen lästige Aufgaben für uns, E-Mails sind unkomplizierter verschickt als ein Brief oder Fax, Fernbeziehungen und Homeoffice sind viel einfacher zu realisieren als früher.

Inzwischen aber piept, blinkt, klingelt und vibriert es nahezu ständig um uns herum. E-Mails, SMS, Chatbenachrichtigungen: Auf zahlreichen Kanälen sind wir rund um die Uhr erreichbar und einer unendlichen Informationsflut ausgesetzt. Und das hat nicht nur Vorteile. Es stört die Konzentration und übt Druck aus. „Wir haben das Gefühl, immer direkt auf alles reagieren und jede E-Mail und Nachricht sofort beantworten zu müssen“, sagt Prof. Christian Montag von der Universität Ulm. Der Molekularpsychologe erforscht, wie sich Internet, Smartphones und Computerspiele auf unsere Emotionalität, Persönlichkeit und Gesellschaft auswirken. Auch der Experte schätzt den technischen Fortschritt. Dennoch warnt er: „Die Situation beginnt zu kippen. Die Mediennutzung nimmt überhand und der einst positive Effekt kehrt sich um: Wir werden unproduktiver.“

E-Mails sind ein echter Zeitkiller

Ein konzentriertes Arbeiten ist heute in vielen Berufen kaum noch möglich. „Um wirklich effektiv zu arbeiten, müssen wir in einen Zustand gelangen, den man ,Flow‘ nennt. Eine Phase tiefer Konzentration“, erklärt Montag. „Bis man dahin kommt, dauert es ein paar Minuten – und dann vergisst man alles um sich herum, arbeitet konzentriert und schafft richtig was weg.“ Aber: Wir werden heute durch E-Mails und das Smartphone, das meist auch noch mit auf dem Schreibtisch liegt, fast im Minutentakt unterbrochen. „Unser Gehirn reagiert sofort auf die akustischen und visuellen Signale, das können wir gar nicht ignorieren. Unser Tag wird so in unzählige kleine Fragmente unterteilt“, beschreibt der Psychologe. Flow-Zustand? Fehlanzeige!

„Die Durchtechnologisierung raubt uns Arbeitszeit“, schlussfolgert Montag. Das bestätigen auch Wissenschaftler der University of British Columbia. Im Rahmen einer Studie stellten sie fest, dass das permanente Öffnen von E-Mails den Arbeitsfluss stört und Stress fördert. Die Lösung: Eine Art E-Mail-Diät. Die empfiehlt auch Montag:

„Setzen Sie sich zwei oder drei feste Zeiten am Tag, zu denen Sie Mails am Stück wegarbeiten. Zwischendurch sollte man nicht ins Postfach schauen und alle Benachrichtigungen ausschalten. Dazu muss man sich zwingen, aber es lohnt sich.“

Denn die kanadischen Wissenschaftler rund um Kostadin Kushlev fanden heraus: Obwohl die Studienteilnehmer nur noch fünf- statt im Schnitt dreizehnmal täglich ihre E-Mails checkten, erhielten und beantworteten sie die gleiche Menge digitaler Post wie vorher.

Im Schlafzimmer gilt: Handy aus!

Und längst haben die Medien auch unsere Freizeit fest im Griff. Viele nutzen ihr Smartphone zum Beispiel auch als Wecker. Das verführt: Gut 40 Prozent der Smartphonenutzer beschäftigen sich in den letzten fünf Minuten, bevor sie abends das Licht ausschalten, und in den ersten fünf Minuten nach dem Aufwachen mit dem Handy, so das Ergebnis einer Studie. „Wir kommen nicht mehr zur Ruhe. Darunter leiden Schlaf und möglicherweise auch Gedächtnisbildung“, erklärt Prof. Montag. „Das ist ein echtes Problem. Der Mensch braucht klar definierte Ruheoasen, wir müssen auch einmal scheinbar nichts tun. Das Schlafzimmer sollte handyfreie Zone sein.“

Unser Nutzungsverhalten vor allem auf mobilen Endgeräten hat sich offenbar immer mehr verselbstständigt. „Wir merken oft gar nicht mehr, dass wir das Smartphone in den Händen halten“, sagt Montag. „Das passiert oft unbewusst.“ Der Bus kommt erst in fünf Minuten? Handy raus! Der Freund geht während einer Verabredung kurz auf die Toilette? Handy raus! Doch der ständige Blick aufs Telefon lenkt ab. Wer kennt das nicht: Eigentlich will man nur wissen, wie spät es ist – und liest dann plötzlich noch die neuen SMS oder landet bei Facebook. Und schon sind zehn Minuten um. „Das wieder zu verlernen ist nicht einfach, aber es geht“, sagt Montag. Sein Tipp: „Kaufen Sie sich einen analogen Wecker und eine Armbanduhr. Das drosselt den Medienkonsum schon einmal etwas.“ Und tut auch dem Miteinander gut. „Es gibt einen Trugschluss in Sachen moderner Kommunikation“, betont der Experte. „Die Leute denken, sie sind wahnsinnig sozial unterwegs, weil sie über Messenger, Mails und soziale Netzwerke mit Hunderten von Leuten permanent in Kontakt stehen. Doch so viele enge Freundschaften kann einfach niemand haben. Mit den wirklich wichtigen Freunden muss man intensiver kommunizieren.“

Es gilt also, den goldenen Mittelweg zwischen On- und Offline-Welt zu finden. Man muss bewusst Grenzen setzen. „Wir verlernen gerade, den Moment zu leben“, warnt Prof. Montag. „Wir besuchen ein Konzert und filmen mit dem Handy verwackelte Videos davon, anstatt es einfach zu genießen.“ Statt ständig online zu sein, sollten wir also häufiger einmal das Handy zu Hause lassen und den Computer ausschalten. Und uns mit Freunden in der echten Welt treffen. „Denn eine Umarmung“, garantiert Montag, „ist viel mehr wert als jeder virtuelle Smiley bei WhatsApp.“

Nicole Benke

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