Essen als Schulfach | EAT SMARTER
0
2
Drucken
2
Essen als SchulfachDurchschnittliche Bewertung: 31514

Essen als Schulfach

Essen als Schulfach

Aus falsch ernährten Kindern werden dicke Erwachsene. Kann die Grundschule helfen, das Schlimmste zu verhindern? Oder erreichen Lehrpläne nur Familien, die sich ohnehin gesundheitsbewusst ernähren? EAT SMARTER hörte sich um.

England hat das Schulfach längst eingeführt, die Deutschen streiten noch: Sollen Kinder im Unterricht auch etwas über gesunde Fette, Eiweiß und Kohlenhydrate lernen? Sollen Lehrer ihnen die geliebten Schokosnacks abgewöhnen und schlechte Noten fürs Colatrinken vergeben? Schon 2007 forderte Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt die Einführung von Ernährungsunterricht an allen Schulen. Ihre Länderkollegen, die die Lehrpläne verantworten, waren nicht gerade begeistert. Das Thema versackte im politischen Untergrund. Großbritannien hat die Kosten kalkuliert und festgestellt: Aus dicken Kindern werden übergewichtige Erwachsene mit weit mehr Krankheiten und höheren Behandlungskosten als bei den Dünnen. Es muss also etwas passieren, um die drohende "Übergewichtsepidemie" zu verhindern. Deshalb griff die Regierung auf die Erfahrungen ihres jungen Starkochs Jamie Oliver zurück: Für seinen Koch- und Ernährungsunterricht an Schulen bekam er von Schülern und Lehrern so gute Noten, dass gesundes Essen in England zum Pflichtfach wurde. Ein Problem blieb allerdings ungelöst: Oliver stellte fest, dass manche Kinder seine mit viel Engagement gekochten Gerichte einfach ablehnten. "Ich bin schon satt", hieß ihre Begründung, und das war noch nicht einmal gelogen. Sie hatten sich bereits vorher in den Pausen an fetten Fleischpasteten satt gegessen. Die hielten ihre Eltern für viel gesünder als alles, was so ein Promikoch den Kleinen vorsetzen konnte. Müssen also erst einmal die kochenden Mütter zum Unterricht? Was nützt es den Kindern, wenn sie in der Schule lernen, einen leckeren Salat zuzubereiten und zu Hause gibt es weiterhin Fastfood? Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), die sich über die Aktion "Schule + Essen = Note 1" für gesundes Schüleressen starkmacht, setzt auf den Durchsetzungswillen der Kinder: Was ihnen beim Schulessen schmeckt, werden sie auch von ihren Müttern fordern. Und alle Befürworter eines Pflichtfachs "Ernährung" unter Lehrern und Gesundheitspolitikern hoffen: Wenn Hänschen in der Schule lernt, dass Pellkartoffeln mit Quark als gesunde Kohlenhydrat-Eiweiß-Kombination so gut schmecken wie die Dickmacher Pommes und Hamburger, wird Hans dabeibleiben. Wie groß das Problem inzwischen ist, zeigen repräsentative Daten der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE): Bei Kindern und Jugendlichen sind heute schon 15 Prozent übergewichtig, bei über 6 Prozent wird die Fettmasse, die sie mit sich herumtragen, als krankhaft eingestuft. An wem liegt das? An Politikern, die sich bei der Frage nach einem Ernährungsunterricht hinter "schwer umzusetzen" oder "zu teuer" verschanzen? An Müttern, die Fertiggerichte in die Mikrowelle schieben oder den Pizzadienst anrufen statt selbst Gesundes einzukaufen, um dann zu Topf, Pfanne und Kochlöffel zu greifen? Fachleute sprechen von einem "systemischen Risiko". Das heißt schlicht: Zu viele Desinteressierte verderben den Kindern das Leben, und nur wenn alle zusammenarbeiten, lässt sich die " Übergewichtsepidemie" vermeiden, die ja allen Wohlstandsländern droht. Unter dem Titel "Adipositas-Prävention für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche" suchen Fachleute des Instituts für Soziologie der Uni Leipzig nun nach neuen Lösungsansätzen. Dabei geht es allerdings noch nicht um konkrete Maßnahmen. Zunächst wird ein "Leitfaden zur Evaluierung von Adipositas-Präventionsmaßnahmen" erarbeitet. TV-Köchin Sarah Wiener ist da schon weiter. Sie bringt über ihre "Sarah Wiener Stiftung" Grundschulkindern in dreimonatigen Kursen zweimal pro Woche gesundes Kochen bei. Mehr als 1.500 Kinder haben bereits im ersten Jahr davon profitiert und waren begeistert, denn, sagt die bekannte Köchin: "Kinder essen gern gesund, wenn man sie nur lässt." Das ist die beste Begründung für Ernährungsunterricht - weil die Kinder lernen, dass gesundes Essen schmeckt, dass richtige Ernährung mehr Beweglichkeit, mehr Fitness, mehr Zufriedenheit bedeutet, dass Kochen Spaß macht, ja sogar Geld spart und sie mit ihrem neuen Wissen auch in der Familie punkten können.

Trinken in der Mathestunde?

An den meisten Schulen ist Trinken im Unterricht verboten, obwohl das Forschungsinstitut für Kinderernährung Dortmund in einer über 15 Jahre angelegten Studie mit mehr als 5000 Kindern bewiesen hat: Zu viele Kinder trinken viel zu wenig, und genau deshalb sind sie im Unterricht weniger konzentriert und weniger leistungsfähig.
Ein großer Teil der Schulen lehnt den Griff nach Wasser, Saft oder Tee dennoch ab. "Das bringt zu viel Unruhe in die Klasse", so die häufigste Begründung. Laut einer Umfrage der Informationszentrale Deutsches Mineralwasser in Zusammenarbeit mit dem "aid infodienst Verbraucherschutz, Ernährung, Landwirtschaft" gibt es aber auch andere Stimmen. Die Lehrer, die das Trinken während ihrer Stunden erlauben, sagen: "Wir haben gute Erfahrungen gemacht."
Die empfehlenswertesten Getränke für die Schulstunden sind Saftschorlen, Mineralwasser oder Leitungswasser. Milch und Milchmixgetränke nur, wenn fettarme Milch getrunken wird.
Ähnliche Artikel
Kinder in der Mensa
Ernährungsbildung soll bei den Kleinsten beginnen
Dicke Bohnen: Langweilig? Altmodisch? Nichts als Viehfutter? Nicht die Bohne! EAT SMARTER verrät, warum Sie viel häufiger dicke Bohnen essen sollten.
Champagner
Rotes Fleisch und Champagner harmonieren prima
Schreiben Sie einen Kommentar
 
Da sieht man es doch. Wieder einmal die Ignoranz der Politiker. Das stinkt für die nach Arbeit. Ich finde es traurig, dass es so ist wie es ist. Die beste Lösung ist, wenn man Eltern und Schüler zusammen unterrichtet in Sachen Ernährungsfragen. Es darf einfach auch nicht vergessen werden, dass unsere Kinder auch später unsere Rentenzahler sind. Gesundes Essen ist einfach nur lecker. Und so manchem Erwachsenen muss seine Bequemlichkeit ausgetrieben werden. Es soll ja auch Eltern geben, die, obwohl die Kinder es vehement einfordern, trotzdem ihren Sturkopf durchsetzen und schlechtes Essen auf den Tisch bringen. Denn nicht jedes Essen was selbst gekocht ist, ist automatisch gesund. Es sind die Tütensuppen und sonstige Sachen, die mit ganz viel Chemie versetzt sind. Die Zauberformel heißt back to the roots. Wer das beherzigt, der ißt gesünder und leckerer, der ist gesünder und uns bleiben eine Menge Probleme erspart. Sogar die Lebensfreude steigt.
 
Sie haben bei Ihrer Auflistung ein wichtiges Projekt vergessen: Den aid-Ernährungsführerschein. Mit diesem Unterrichtskonzept für dritte Grundschulklassen vermitteln wir Kindern Spaß am Selbermachen und Experimentieren und wir geben ihnen die Möglichkeit, Lebensmittel kennen zu lernen und kleine Gerichte daraus zuzubereiten. In sechs bzw. sieben Unterrichtseinheiten ? von Brotgesichtern über Schlemmerquark bis hin zu Nudelsalat ? erarbeiten sich die Kinder altersgerechte Kompetenzen, die sie am Ende im schriftlichen Test und auch in einer praktischen Prüfung (sie gestalten gemeinsam ein kleines kaltes Büffet) unter Beweis stellen können. Das Ganze kann im Klassenzimmer stattfinden, eine Schulküche muss nicht vorhanden sein. Seit Einführung des aid-Ernährungsführerscheins haben weit über 100.000 Schüler erfolgreich am Projekt teilgenommen und sind stolze Besitzer des Führerschein-Dokumentes geworden. Rückmeldungen von Lehrern, Kindern und Eltern zeigen, dass der praktische Umgang mit Lebensmitteln einen nachhaltigen Effekt hat. Unser Konzept zeigt beispielhaft, wie eine handlungsorientierte, nachhaltige Ernährungsbildung an Schulen realisiert werden kann. Wir streben an, dass der aid-Ernährungsführerschein langfristig, ähnlich wie der Fahrradführerschein, fest in das Schulprogramm der 3. und 4. Klassen aufgenommen wird und so einen kleinen, aber wichtigen Beitrag zur Ernährungsbildung an Schulen leisten kann. Weitere Infos: www.aid-ernaehrungsfuehrerschein.de Dr. Margret Büning-Fesel, aid infodiest