Die größten Lebensmittelskandale 2011 | EAT SMARTER
0
1
Drucken
1
Die größten Lebensmittelskandale 2011Durchschnittliche Bewertung: 3157

Jahresrückblick

Die größten Lebensmittelskandale 2011

Auch im Jahr 2011 blieben die Verbraucher nicht vor Lebensmittelskandalen verschont. In einem Rückblick erinnert EAT SMARTER an den Ausbruch der EHEC-Erreger oder die Funde von dioxinbelasteten Eiern und zeigt, welche Folgen diese Skandale hatten.

Januar: der große Dioxin-Skandal
Im Januar sind erst wenige Tage vergangen, als der erste Lebensmittelskandal seinen Höhepunkt erreicht: Kontrolleure aus Nordrhein-Westfalen finden Dioxin-Rückstände in Eiern. Der Verursacher ist schnell gefunden: Ein Futtermittelhersteller aus Schleswig-Holstein hatte monatelang dioxinbelastetes Futterfett in den Umlauf gebracht. Insgesamt sind so unbemerkt bis zu 3000 Tonnen an Zwischenhändler geliefert worden. Die Zwischenhändler verarbeiteten das Futterfett zu Tierfutter und lieferten es schließlich an Betriebe für Legehennen, Mastgeflügel und Schweine. Aus den Funden entwickelt sich einer der größten Dioxin-Skandale der vergangenen Jahre: Über 1000 Betriebe müssen zwischenzeitlich gesperrt werden. Zahlreiche Tiere werden notgeschlachtet, die Nachfrage nach deutschen Eiern und Fleischprodukten fällt rapide ab. Wie viele dioxinbelastete Lebensmittel letztendlich in den Handel gelangen, kann nie vollständig geklärt werden. Experten gehen aber davon aus, dass die 3000 Tonnen verseuchtes Mischfett zu über 20 000 Tonnen Futtermittel weiter verarbeitet worden sind. Der Skandal offenbart, wie undurchsichtig die Produktionswege bei der konventionellen Futtermittelproduktion sein können: Händler A beliefert Händler B, der mischt etwas hinzu und leitet es zum nächsten Zwischenhändler. Erst nach zahlreichen Zwischenstationen landet das Futtermittel in den Trögen der Tiere. Die Bundesregierung kündigt daraufhin an, die Herstellung strenger zu kontrollieren. Verbraucherministerin Ilse Aigner legt einen 10-Punkte-Plan vor, nach dem die Produktionswege transparenter und stärker kontrolliert werden sollen. Ein Jahr später hält die Verbraucherorganisation Foodwatch den Plan für gescheitert: Aus Sicht der Kritiker ist noch kein Punkt umgesetzt worden, der eine Lebensmittel-Belastung verhindern kann. Mai: Gefahr durch EHEC-Erreger
Doch es wird nicht der einzige Skandal sein, der die Bevölkerung in diesem Jahr in Atem hält. Mitte Mai warnen die Behörden vor rohen Tomaten, Gurken und Salatblättern. Der Grund: Das rohe Gemüse steht im Verdacht, Quelle des EHEC-Erregers zu sein. Dieser spezielle Bakterienstamm ist besonders aggressiv, in kurzer Zeit erkranken immer mehr Menschen an dem Erreger. 53 Menschen werden es nicht überleben. Vor allem in Norddeutschland füllen sich im Mai die Kliniken mit Patienten. Die Menschen klagen über Erbrechen, Übelkeit; manche leiden an Blutarmut oder neurologischen Ausfallerscheinungen. Einige Patienten werden von regelrechten Panikattacken heimgesucht. Das Verrückte: Es trifft vor allem Menschen, die gesund leben und sich entsprechend ernähren. Und hier vermuten die Behörden den gemeinsamen Nenner: Alle Patienten haben rohes Gemüse gegessen, hier muss die Quelle liegen. Die Behörden warnen nun vor rohen Gurken, Salat und Tomaten. Doch sie liegen falsch. Erst im Juni wird die genaue Quelle gefunden. Es sind importierte Bockshornkleesamen aus Ägypten. Über einen Bio-Betrieb in Bienenbüttel und Privatpersonen muss der Erreger in den Umlauf gekommen sein. Zu diesem Schluss kommt der Abschlussbericht des Bundesinstituts für Risikobewertung. Erst Ende Juli werden die Ermittlungen für beendet erklärt. "Dieser Ausbruch war einer der folgenschwersten lebensmittelbedingten Ausbrüche in der Nachkriegszeit Europas", sagt Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung, Ende November. Allein in Deutschland haben sich rund 4000 Personen infiziert, fast 900 davon mit dem gefährlichen HU-Syndrom. Und 53 Personen sterben an den Folgen. Kaum ein anderer Skandal hat das Ernährungsverhalten einer Nation so stark beeinflusst: Viele Deutsche verzichteten lange Zeit auf rohes Gemüse. Gesunde Lebensmittel galten plötzlich als hoch gefährlich. Händler und Landwirte blieben auf Tomaten, Gurken und Salat sitzen. Noch heute warnen die Behörden vor rohen Bockshornkleesamen. November: Aufregung um Antibiotika-Vergabe in der Tiermast
Ende November gerät dann wieder einmal die Hähnchenmast in den Fokus. Denn die hat laut NRW-Verbraucherminister Johannes Remmel (Die Grünen) ein massives Antibiotika-Problem: "Jahrelang ist von der Geflügelwirtschaft und der Bundesregierung immer wieder versichert worden, dass der Einsatz von Antibiotika in der Tiermast nur die Ausnahme sei. Doch jetzt haben wir es schwarz auf weiß: Antibiotika-Einsatz ist Regel und gängige Praxis." Remmel bezieht sich auf eine Untersuchung seines Verbraucherschutzministeriums, die den Einsatz von Antibiotika in der Hähnchenmast erfasst hat: In 96 Prozent der untersuchten Mastbetriebe wurde das Medikament regelmäßig eingesetzt. Einige Tiere bekamen sogar bis zu acht verschiedene Antibiotika verabreicht.
In 53 Prozent der Fälle liefen die Behandlungen sogar nur einen oder zwei Tage. Dies verstößt eigentlich gegen die Richtlinien der Antibiotika-Vergabe. Johannes Remmel: "Der massive Einsatz und die Art und Weise, wie die Medikamente verabreicht wurden, lässt eigentlich nur einen Schluss zu: Entweder es handelt sich um Wachstumsdoping – was seit 2006 verboten ist. Oder aber das System der Tiermast ist derart anfällig für Krankheiten, dass es ohne Antibiotika nicht mehr auskommt." In Betrieben mit über 40 000 Masthühnern sind Antibiotika häufig der einzige Weg, um mögliche Krankheiten effektiv zu bekämpfen. Da sich einzeln erkrankte Tiere schlecht isolieren lassen, werden die Mittel häufig über das Futter an alle Tiere verabreicht. Die Debatte über den massiven Einsatz von Antibiotika in der Tiermast ist nicht neu: Wissenschaftler beobachten die Entwicklung schon seit längerer Zeit kritisch. Der Grund: Durch den falschen Einsatz können Antibiotikaresistenzen gefördert werden. Im schlimmsten Fall könnte es dazu führen, dass die Medikamente auch bei Menschen unter Umständen keine Wirksamkeit mehr haben. Der Bauernverband hat bereits angekündigt, die Antibiotka-Menge in den nächsten Jahren um 30 Prozent zu senken. Dass es aber auch weitgehend ohne Antibiotika geht, zeigt die biologische Tierhaltung. Hier dürfen die Medikamente nur in begrenztem Umfang eingesetzt werden. Die Produkte sind dafür allerdings auch etwas teurer. Dezember: Gefälschte Bio-Lebensmittel kommen in den Handel
Ende 2011 erleben Verbraucher allerdings auch: Nicht überall wo Bio draufsteht, ist auch wirklich Bio drin. Im Dezember wurden in Italien mehrere Händler festgenommen, die offenbar jahrelang konventionell hergestellte Lebensmittel als Bio-Ware etikettiert haben sollen. Einige dieser Waren sollen dabei auch nach Deutschland gekommen sein, darunter vor allem Getreide wie Raps und Soja. Das Getreide kann als Futtermittel für die biologische Tierhaltung eingesetzt wird. Insgesamt soll die Fälscherbande Waren im Wert von 220 Millionen Euro gefälscht haben. Die Ermittlungen dauern an und werden uns wohl auch 2012 beschäftigen. (wil)
Ähnliche Artikel
Die größten Ammenmärchen der Ernährung
Ernährungsweisheiten auf dem Prüfstand: Was stimmt wirklich? EAT SMARTER nimmt die größten Ammenmärchen der Ernährung unter die Lupe.
Türkisches Essen lässt uns im Urlaub das Wasser im Mund zusammenlaufen. Aber zuviel davon und schon wächst das Hüftgold. EAT SMARTER verrät Ihnen die 5 größten Kalorienfallen.
Wieder sind dioxinbelastete Eier gefunden worden: EAT SMARTER klärt die wichtigsten Fragen.
Schreiben Sie einen Kommentar
 
und was ist mit "latentem Botulismus" in Schleswig-Holstein?