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Hunger gehört zum Abenteuer 3 1 5 12

Hunger gehört zum Abenteuer

Achill Moser durchquerte 25 Wüsten der Erde zu Fuß. Der Fotograf und Autor kennt das brennende Gefühl des Hungers und weiß, wie man es in den Griff bekommt.

Ich lebe in zwei Welten. Einerseits bin ich als Familienvater in Hamburg zu Hause, in einem Schlaraffenland, in dem es Supermärkte, Feinkostspezialisten und Gourmetrestaurants gibt. Echten, lebensbedrohlichen Hunger kennt niemand hier, höchstens die kleine Leere im Magen, die zwischen zwei Mahlzeiten entsteht. Andererseits wandere ich monatelang durch die geheimnisvollsten Wüsten der Erde, wo Dürrekatastrophen die dort lebenden Menschen bedrohen. Durch meinen Wechsel zwischen diesen Welten konnte ich besondere Erfahrungen mit den Gefühlen sammeln, die der Hunger auslöst. Und ich denke oft daran, wie gut es wäre, wenn mehr von uns verwöhnten Westlern, sei es auch nur für wenige Tage, meine Erlebnisse teilen könnten. So manche Schlankheitskur wäre dann wohl überflüssig. Den ersten echten Hunger erlebte ich als 19-Jähriger. Ich wanderte damals im Nordsudan, war bereits wochenlang mit einer Karawane durch die Wüste unterwegs, als die Vorräte ausgingen. Die nächsten Tage gab es nichts als Wasser und dabei mussten wir weiter, immer weiter gehen. Zuerst ertrug ich den Mangel klaglos. Dann begann mein Magen, sich zu verkrampfen, nach fünf Tagen beherrschte der Wunsch nach etwas Essbarem meine Gedanken vollständig. Nachts kam ich nicht in den Schlaf, am siebten Tag konnte ich kaum noch laufen. Meine Arme zitterten und mir war übel, während die dunkelhäutigen Nubier, mit denen ich unterwegs war, beim Voranschreiten leise Lieder sangen. Melodien, die ihre Hungergefühle scheinbar verscheuchten. Unsere Karawane erreichte die Oasenstadt Adbara nach acht Tagen. Dort gab es den ersten Hirsebrei, dazu Datteln, Melonen, Ölsardinen und Kondensmilch. Wunderbar. Ich aß mich satt und kam wieder zu Kräften. Seit jenen Tagen habe ich viel über den Hunger gelernt. Für mich gehört er zum Nomadendasein und Wüstenwandern dazu. Denn auf großen Wegstrecken kann ich nur begrenzte Mengen Nahrung im Rucksack oder in Kameltaschen mitführen. Aber das schreckt mich nicht, denn inzwischen ist mir klar: Das Verlangen nach Essen entsteht nicht im Magen, sondern im Kopf. Ärzte würden sagen: in den Hunger- und Sättigungszentren des Gehirns. Dort werden neben dem Insulinspiegel auch die im Körper gespeicherten Fettreserven überprüft und das Hormon Leptin freigesetzt, das das Auftreten von Hungergefühlen hemmen kann. Die biochemischen Zusammenhänge machen deutlich, dass Gefühle eine große Rolle spielen und dass es einen Unterschied macht, ob ich mich dem Hunger freiwillig aussetze oder mich vom Verhungern bedroht fühle. In Mauretanien, Mali, China und Indien traf ich Menschen mit unerträglichem Hunger. Ich sah, wie er die Persönlichkeit zerstört, wie rücksichtslos er macht. In der Süd-Sahara, in Timbuktu, jagten ein paar ausgemergelte Jungen einem halbnackten Mann eine Plastikschale mit Reiskörnern und Brotkrumen ab. Als die Schale dabei zu Boden fiel, knieten sie auf allen vieren und verschlangen gierig, was sie greifen konnten: wenig Brot und Mehl, viel Sand. Heute teile ich, um größere Hungerzeiten beim Wüstenwandern zu vermeiden, meinen Proviant in Tages- und Wochenrationen; egal, ob ich allein oder mit Einheimischen unterwegs bin. Was ist typisch? Wie sieht das Essen auf einer Wüstenwanderung aus? Reise ich etwa mit einem Beduinen-Freund durch die ägyptische Sinai-Wüste, beschränken wir uns auf zwei Mahlzeiten am Tag: Vor Sonnenaufgang gibt es stark gesüßten Tee, ein handtellergroßes Stück Fladenbrot, in dem der Sand manchmal beim Hineinbeißen knirscht, etwas Marmelade, Ziegenkäse sowie einen großen Teller „Ful“: Das sind lauwarme braune Bohnen, die über Nacht eingeweicht werden und die wir am nächsten Morgen mit ein paar Kräutern gewürzt und wenig Zitronensaft beträufelt essen. „Ful“ war eine harte Prüfung, ich habe Jahre gebraucht, um dieses nährstoffreiche Gericht schätzen zu lernen. Wohlschmeckender, aber ähnlich sättigend finde ich das Abendessen nach Sonnenuntergang. Gewöhnlich besteht es aus Kartoffeln, Reis, Tomaten, Zwiebeln, Paprika und Zucchini. Dazu Gewürze wie Safran, Kardamom oder Koriander und gelegentlich „Fata”, gebratenes Lammfleisch, das wir in kleinen Oasen kaufen und in einem Topf auf kleiner Feuerstelle zubereiten. Tagsüber gibt es nur einige Hartkekse und ein paar Becher von dem Wasser, das an der Schattenseite meines Kamels in der Gerba (Wassersack) schaukelt. Die Verdunstung im leichten Zugwind der Karawane hält das zwar Wasser kühl; allerdings schmeckt es schon nach wenigen Tagen wie „Ziege von innen“. Vieles habe ich den Wüstenmenschen in Afrika und Asien abgeguckt. Seit Generationen überliefern die Stämme dieser Weltgegend eine Art „Wüsten-Know-how“, das ihnen hilft, auf langen Trecks Hunger und Durst in den Griff zu bekommen. So sprechen die Tuareg in Algerien und Libyen beim Wandern immer den gleichen Satz vor sich hin: „Ich muss zum Stein werden!“ Mit dieser Vorstellung, also mit einer Art Selbsthypnose, verdrängen sie Hunger und Durst. Denn ein Stein kann alles ertragen. Die Tubu im Tschad oder die Uiguren in der Wüste Gobi hingegen lutschen kleine Steine, um die Speichelproduktion anzuregen, wenn ihnen vor Trockenheit die Zunge am Gaumen klebt. Für mich habe ich einen anderen Weg gefunden. Wenn ich Hungergefühle ausblenden möchte, hilft mir das „Visualisieren von Zielen“. Stelle ich mir beispielsweise frühmorgens vor, dass ich ohne etwas Essbares gut über den Tag kommen werde, gelingt mir das auch. Dann quält mich der Hunger kaum. Diesen Trick kannte auch Lawrence von Arabien bereits Anfang des letzten Jahrhunderts. In seinem Buch „Die sieben Säulen der Weisheit“ beschrieb er die „Kraft der Vorstellung“, mit der es ihm nach und nach gelang, sein Hungergefühl auszuschalten. Mehr noch. Unterwegs in der Wüste geriet ihm das Gehen zur Meditation – und das Hungergefühl wandelte sich in eine Art von bewusstem Fasten. So habe auch ich es erlebt. Der Unterschied zwischen freiwilligem Fasten und Hungern ist groß. Beim Fasten empfindet man keinen psychischen Druck, während beim ungewollten Hungern das Gehirn Stresshormone ausschüttet, die unruhig machen und belasten. Konzentrationsmängel und Erschöpfung wirken dann rasch leistungsmindernd. Aber auch der freiwillige Verzicht auf Essen birgt Risiken. Anstelle von Stresshormonen werden Endorphine gebildet, die als körpereigene Opiate wirken. Sie lösen euphorische Empfindungen aus – manchmal bis hin zu einer Art Rauschzustand, nach dem man regelrecht süchtig werden kann. Lustvolles Fasten wird dann zur „Hunger-Sucht“. Eine Erfahrung, die mir nach ausgedehnten Wüstenmärschen oft widerfuhr. Ganz bewusst umging ich dann in den Oasenstädten erst mal die duftenden Garküchen und verzichtete auf Essen. An westliche Essgewohnheiten muss ich mich jedes Mal erst wieder gewöhnen.
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