Was "lebensmittelklarheit.de" wirklich bringt | EAT SMARTER
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Was "lebensmittelklarheit.de" wirklich bringtDurchschnittliche Bewertung: 3151

Interview mit Andrea Schauff, Verbraucherzentrale Hessen

Was "lebensmittelklarheit.de" wirklich bringt

Mitte Juli 2011 ging das Verbraucherportal "lebensmittelklarheit.de" online, auf dem sich Verbraucher über irreführende Lebensmittelkennzeichnungen beschweren können. Kurz nach dem Start brach das Portal aber wieder zusammen, zeitweise verzeichneten die Betreiber 20 000 Zugriffe pro Sekunde. Rund einen Monat später hat sich die Lage normalisiert, die Redaktion der Verbraucherzentrale Hessen hat ihre Arbeit aufgenommen, prüft Beschwerden, schreibt Hersteller an und stellt die Produkte mit Bildern, Einschätzungen und Herstellerreaktionen auf die Seite. Ein Erfolg? EAT SMARTER hat mit Andrea Schauff, Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale Hessen, gesprochen.

Frau Schauff, als die Seite „lebensmittelklarheit.de“ im Juli online ging, brach kurz darauf der Server zusammen. Haben Sie mit diesem Ansturm gerechnet?
Die Nachfrage war überwältigend, wir haben uns sehr darüber gefreut. Der Andrang zeigt, wie sehr den Menschen das Thema Lebensmittelkennzeichnung unter den Nägeln brennt. Anfang August hatten wir 1600 Produktbeschwerden, 1400 Foreneinträge und 400 Kontaktanfragen. Derzeit kommen im Schnitt täglich 50 neue Meldungen hinzu.
Wenn man auf das Portal schaut, kann man das schwer glauben. Dort sind gerade einmal 36 Produkte aufgeführt.
Es sieht auf den ersten Blick vielleicht relativ leer aus, weil wir derzeit wenige Produkte im Netz haben. Aber: Man sieht nicht, wie zeitaufwändig die Bearbeitung der einzelnen Beschwerden ist. Wir müssen zunächst prüfen, ob die Anfrage ein Fall für das Portal ist oder ob es sich um einen Verstoß gegen die Kennzeichungsvorschriften handelt, für die die Lebensmittelüberwachung zuständig ist. Wir wollen mit unserem Portal die Graubereiche der Lebensmittelkennzeichnung aufzeigen. Sind denn alle 1600 Beschwerden ein Fall für Ihr Portal?
Der Großteil der Beschwerden ist nachvollziehbar und aus unserer Sicht auch berechtigt. Wir brauchen aber eine präzise rechtliche Bewertung, um am Ende nicht zurückrudern zu müssen. Und genau deswegen prüfen wir die Gesetzeslage. Außerdem treten wir in den Kontakt mit Verbraucher und Anbieter. Der ganze Vorgang braucht häufig viel Zeit. Bei den nun vorgestellten Produkten liest man häufig, dass sich der Anbieter bei der Kennzeichnung an die gesetzlichen Vorschriften gehalten hat. Und dafür dann der ganze Aufwand?
Allein durch unsere Veröffentlichung wird der Blick auf kritische Produktaufmachungen, Werbestrategien und Kennzeichnungslücken geschärft. Der Hersteller hat dabei immer zunächst die Gelegenheit, auf die aus unserer Sicht berechtigten Beschwerden zu reagieren. Wenn er dabei aber auf den gesetzlichen Vorgaben beharrt, muss er damit leben, dass die Verbraucher das dann auch nachlesen können. Und der Hersteller wird irgendwann einmal gesetzlich dazu verpflichtet werden, das Produkt eindeutiger zu kennzeichnen?
Das wäre für die Zukunft wünschenswert. Wenn sich die Beschwerdefälle für eine bestimmte Produktkennzeichnung häufen, haben wir die Basis, unsere Kennzeichnungs-Forderungen an den Gesetzgeber zu untermauern.

Das kann lange dauern. Wird da nicht die Geduld der Verbraucher auf die Probe gestellt?
Es kann natürlich ein langer Weg sein. Aber wir haben das Portal ja auch erst seit vier Wochen online. Die Bereitschaft und der Informationsbedarf der Verbraucher sind aber da. Der Hersteller kann bei uns erfahren, was die Verbraucher wirklich stört. Und er hat Gelegenheit, darauf zu reagieren.

Der Gesetzgeber ist fein raus, weil das Problem auf den Verbraucher und den Hersteller verlagert wird.
Das würde ich nicht sagen. Würde das Thema Lebensmittelkennzeichnung nicht in der Öffentlichkeit diskutiert, wäre niemand zum Handeln gezwungen. Wir haben mit dem Portal einen Weg geschaffen, die Verbraucherbeschwerden zu kanalisieren. Wir erfassen nun nachvollziehbare Täuschungen, machen sie in dem Meer von Produkten dingfest. Und wenn der Verbraucher erst einmal darauf aufmerksam geworden ist, schaut er genauer auf die Zutatenliste. Er kann so endlich selbst aktiv werden und der Gesetzgeber sieht bei uns, aus welchen Gründen die Käufer unzufrieden sind.

Über welche Produkte beschwerden sich die Verbraucher?
Es geht zum Beispiel um Zutaten, die vorne auf dem Etikett in schönen Abbildungen und Worten ausgelobt werden und die dann in Wahrheit nur in winzigen Mengen im Lebensmittel enthalten sind. Ein Mangogetränk, in dem kaum Mango steckt. Ein Joghurt mit Macadamianüssen, der in Wahrheit nur ein Prozent Nüsse enthält.

Haben Sie schon Rückmeldung von den Anbietern bekommen?
Ja, denn die Ernährungsindustrie begrüßt grundsätzlich den Informationsaustausch. Das Portal ist ja auch eine Chance für Anbieter, die Anliegen der Verbraucher zu erkennen, die Missstände zu ändern und damit Vertrauen zu gewinnen. Wir zeigen ja nicht nur die Beschwerden, sondern auch was geändert wurde. Zur Zufriedenheit der Verbraucherzentrale?
Einige Lebensmittel wurden auf der Verpackung mit „wertvolleren Früchten“ wie Himbeeren oder Erdbeeren angepriesen. In Wahrheit besteht das Lebensmittel aber zu 90 Prozent aus Äpfeln. Auf den aufgrund einer Abmahnung geänderten Verpackungen tauchen nun auch die Äpfel auf, wenn auch eher im Hintergrund. Absolut zufriedenstellend ist dies aber nicht. Sollte man da nicht nachfassen?
Wir haben in diesem Fall immerhin eine Verbesserung erreicht. Wir wissen aber auch: Wir können häufig keine hundertprozentige Kennzeichnung erwarten, die sich mit unseren Vorstellungen über klare Lebensmittelkennzeichnung deckt. Verbraucher, die sich von der geänderten Verpackung weiterhin getäuscht fühlen, haben die Möglichkeit sich erneut zu beschweren. Herzlichen Dank für das Gespräch. Das Interview führte Holger Wille Andrea Schauff von der Verbraucherzentrale Hessen ist als Ernährungsexpertin an der Arbeit zu "www.lebensmittelklarheit.de" beteiligt. Das Portal ist Mitte Juli 2011 online gegangen. Verbraucher haben hier die Möglichkeit, sich über irreführende Produktkennzeichnungen zu beschwerden. Die Redaktion des Portals prüft daraufhin die Beschwerden, schreibt die Hersteller an und stellt das Produkt mit Bildern, einer eigenen Einschätzung und der Reaktion des Anbieters online. Foto: Verbraucherzentrale Hessen.
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"1600 Produktbeschwerden, 1400 Foreneinträge und 400 Kontaktanfragen" - krass! Gute Sache, weiter so!
 
Gute Sache, aber geht irgendwie unter Web - man hat halt seine 100 anderen Seiten...