Power-Pillen oder Placebos? | EAT SMARTER
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Nahrungsergänzungsmittel

Power-Pillen oder Placebos?

Jedes Jahr geben die Deutschen fast eine halbe Milliarde Euro für Vitaminpillen und Nahrungsergänzungsmittel aus. Jetzt im Winter wird oft zu den vermeintlichen Fitmachern aus dem Labor gegriffen. EAT SMARTER klärt auf, wie gesund sie wirklich sind.

Wenn man in der Winterzeit in der U-Bahn oder im Büro von hustenden und röchelnden Menschen umgeben ist, dann ist die Hochsaison für Vitamine angebrochen. Der Verkauf von Orangen und Zitronen schnellt in die Höhe und gleichzeitig klettert der Absatz von Vitaminen in Tabletten- oder Pulverform seinem Jahresgipfel entgegen.

Vitamine sind der Inbegriff der Gesundheit und haben viele lebenswichtige Funktionen. Sie gelten als Treibstoff für das Immunsystem, das Krankheitserreger abwehrt. Sie sind wichtig für Durchblutung, Konzentration, Zähne, Haare, Zellwachstum, Blutbildung und den Energiestoffwechsel. Ohne sie liefe im Körper nichts.

Viel Geld für Pillen

Obwohl es den meisten Deutschen aber nicht an Vitaminen mangelt, nimmt jeder Vierte Nahrungsergänzungsmittel aus dem Labor zu sich. Dafür geben wir fast eine halbe Milliarde Euro im Jahr aus – in dem Glauben, an eine risikolose und sanfte Krankheitsprophylaxe. Laut Werbung bringen die Zusatzpräparate nämlich nicht nur die Immunabwehr auf Trab, sondern halten die Arterien elastisch und schützen vor Verkalkung, verhindern Krebs und stärken die geistige Leistungskraft. Werden Vitaminzusätze aber wirklich einmal in klinischen Studien an Menschen erprobt, bleibt von den Werbeversprechen nicht viel übrig.

Keine Vorteile durch Präparate

Gesunde Menschen haben bislang in keiner Untersuchung von Vitaminpräparaten profitiert, selbst dann nicht, wenn sie sich nicht besonders ausgewogen ernährten.
Dabei macht es keinen Unterschied, ob die Substanzen aus dem Labor stammen oder aus Pflanzen isoliert und dann zu Pulver verarbeitet wurden. "Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass aus Früchten gewonnene Vitamine besser wirken als synthetische Produkte", sagt der Ernährungsmediziner Michael Ristow von der Universität Jena. Chemisch betrachtet sind beide identisch. Die von der Industrie angeheizte Begeisterung für Vitamine gründet auf Versuchen mit Mäusen, die tatsächlich etwas länger leben, wenn sie Nahrungsergänzungsstoffe zugefüttert bekommen. Inzwischen haben aber zahlreiche Studien belegt, dass Pillen und Pulver eine vitaminreiche Ernährung nicht ersetzen können.

Kunstvitamine können schädlich sein

Nur ein Beispiel: In einer Untersuchung konnten Forscher von der renommierten Harvard School of Public Health in Boston zeigen, dass der Verzehr von Obst und Gemüse, das reich an Vitamin C oder E ist, das Lungenkrebsrisiko der Versuchsteilnehmer senken kann, sowohl bei Nichtrauchern als auch Rauchern. Vitamintabletten hatten diesen schützenden Effekt nicht. Die Forscher vermuten, dass mit Früchten und Gemüse weitere Stoffe in den Körper gelangen, mit denen zusammen die Vitamine erst ihre günstige Wirkung entfalten.

Kunstvitamine werden schon nicht schaden, denken sich viele, verleitet durch Anzeigen und Lockangebote in Apotheken – und liegen falsch. Zweifel an den Vitamintabletten kamen bereits in den 90er-Jahren auf. Forscher untersuchten, ob Betacarotin, das vom Körper in Vitamin A verwandelt wird, Raucher vor Lungenkrebs schützt. Die Studie musste abgebrochen werden, weil besonders viele Teilnehmer Tumore entwickelten. Vor vier Jahren veröffentlichte „Jama“, eines der bedeutendsten medizinischen Fachjournale der Welt, eine zusammenfassende
Analyse über 68 Vitamin-Studien mit insgesamt über 200 000 Teilnehmern. Doch die Forscher konnten keinen überzeugenden Beleg finden, dass Vitaminpräparate die Sterblichkeit von Menschen verringern. Mittel mit Betacarotin, Vitamin A und E sind nach ihrem Befund nicht nur nutzlos, sondern können das Leben sogar
verkürzen.

Grundlegende Theorien ins Wanken geraten

Über diese Resultate ist eine der grundlegenden Theorien zur Wirkung von Vitaminen ins Wanken geraten. Demnach sollten Vitamine durch die Blutbahn schwimmen und aggressive Sauerstoffradikale einfangen. Deshalb werden manche Vitamine und Nahrungsinhaltsstoffe auch als Antioxidantien bezeichnet. Zellen des Immunsystems bilden die äußerst zerstörerischen Radikale, wenn sie auf Viren oder Bakterien stoßen. Was jahrelang als schädlicher Nebeneffekt der Immunabwehr betrachtet wurde, ist aber eine gewünschte Schutzfunktion: Die radikalisierten Sauerstoffmoleküle greifen nämlich auch Krankheitserreger an und attackieren sogar Krebszellen.
Michael Ristow glaubt, dass wer große Mengen antioxidativ wirksamer Stoffe wie Vitamin C schluckt, diesem Effekt entgegenwirkt. In Versuchen mit Fadenwürmern konnte er zeigen, dass Tiere, die viele Radikale produzieren, länger leben als andere. Sobald sie Vitamine in ihre Nahrung bekamen war der Überlebensvorteil dahin. „Die Radikale könnten den Organismus ein wenig unter Stress setzen, sodass seine Abwehrfähigkeit steigt“, spekuliert der Mediziner, „ähnlich wie das bei einer Impfung funktioniert.“

Wirkungslose Präparate

Diese Experimente sollten jedoch nicht alle Vitamine in Misskredit bringen, warnt Ristow. Da Vitamin C sehr billig herzustellen ist und in vielen industriellen Lebensmitteln als Konservierungsstoff zugesetzt wird, seien wir in den Industrieländern ohnehin damit überreichlich versorgt. Er spricht sich wie viele seiner Kollegen dafür aus, die zulässige Höchstmenge gesetzlich regulieren zu lassen. Den oft verheißenen Schutz vor Erkältungen konnten Vitamin-C-Präparate ohnedies in noch keiner Studie zeigen.

Einzig das Spurenelement Zink schnitt in einigen Untersuchungen durch eine mildernde und die Krankheitsdauer verkürzende Wirkung besser ab. Hühnersuppe soll diesen Effekt auch haben. Vegetarier können wegen des relativ hohen Zinkgehalts auf Linsensuppe ausweichen. Wer Zink schluckt sollte darauf achten, dass er die empfohlene Höchstmenge von 40 Milligramm pro Tag nicht überschreitet.

Ob es sinnvoll ist, Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen, hängt vor allem davon ab, ob es dem Körperü berhaupt an etwas mangelt. Schwangere sind mitunter betroffen, Stillende seltener. Kranke oder mangelernährte Menschen können profitieren. Aber niemand weiß bis heute, welche Konzentration im Blut oder in den Zellen wünschenswert ist.

Besser zum Apfel greifen

Die Empfehlungen unterscheiden sich von Land zu Land und von Fachgesellschaft zu Fachgesellschaft. Es führt also kein Weg an frischem Obst und Gemüse vorbei. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) rät Erwachsenen zu täglich 400 Gramm Gemüse und 250 Gramm Obst – verteilt auf fünf Portionen. Eine davon darf gelegentlich durch ein kleines Glas Saft ersetzt werden. In Flaschen gefüllte Pürees aus Obst und Gemüse sind generell keine Alternative. Sie werden als Smoothies verkauft, mit der werbewirksamen Botschaft, dass sie bis zu 50 Prozent des täglichen Vitaminbedarfs decken. Nach Beschluss eines Wiener Gerichts dürfen sie zumindest in Österreich nicht mehr so beworben werden. Der Apfel ist noch immer der gesündeste Vitaminlieferant – und auch der billigste.

Hanno Charisius
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Komisch, das fast alle Menschen die keine Nahrungsergänzungen nehmen ständig krank sind, währenddessen diejenigen die ausreichend natürliche Nahrungsergänzungen nehmen eine gute Gesundheit haben. Wenn der Artikel mal nicht wieder von der Pharmaindustrie kommt. Die freut sich wenn Menschen diesen Unsinn glauben und keine Vitamine mehr nehmen. Prof. Linus Pauling, zweimaliger Nobelpreisträger ?Man kann jede Krankheit, jedes Leiden auf einen Vitalstoffmangel zurückführen?. Dr. Jackson Stockwell Unser Organismus benötigt täglich folgende Nährstoffe: 60 Mineralien - 15 Vitamine ? 12 wesentliche Aminosäuren und 3 wesentliche Fettsäuren Das macht zusammen 90 Nahrungsnotwendigkeiten. Ich mache hier keine Vorschläge ? ich spreche von unbedingt zwingenden Notwendigkeiten. Ungefähr zehn Krankheitszustände gehen auf den Mangel an jeweils einem der oben erwähnten 90 Nährstoffe zurück. Dies bedeutet, dass 900 Krankheiten umgangen werden könnten, wenn wir unseren Organismus in die Lage versetzten, sich selbst zu wehren. Denken Sie einmal daran was dies für unsere Kinder bedeuten könnte ? sie würden vollkommen anders als wir heranwachsen. Wie gesund und intelligent sie sein könnten, würden sie jeden Tag mit all den 90 Nährstoffen versorgt werden, die unser Körper braucht. Wie würde sich die Welt verändern, wenn sich allmählich eine Krankheit nach der anderen in Nichts auflöste.
 
"Doch die Forscher konnten keinen überzeugenden Beleg finden, dass Vitaminpräparate die Sterblichkeit von Menschen verringern" Die Sterblichkeitsrate von Menschen ist 100%, mit oder ohne Vitamine, mit gesundem oder ungesundem Essen, für Raucher oder Nicht-Raucher!
 
Es geht nichts über eine gesunde Ernährung mit Obst und Gemüse!!! Da aber die wenigsten Menschen die empfohlenen Portionen am Tag schaffen, bedarf es einer vernünftigen Nahrungsergänzung!!! Die Wirkung von Nahrungsergänzung ist auch mehrfach getestest und bewiesen!!! Nur ist die Lobby der Pharmaindustrie so groß, das sogar hier dieser Schwachsinn geschrieben wird!!! Auch EAT SMARTER wird also auch von der Lobby bezahlt!!!!
 
Der Artikel ist meiner Meinung nach schlecht recherchiert!!! Zur Richtigstellung lesen Sie in OM+Ernährung 127, 2009 Dr.B.Kuklinski:Zur "Gefährlichkeit von Vitaminen und Mikronährstoffen
 
also meine frisur hat sich sehr verändert als ich den artikel gelesen habe.sie standen mir zu berge !und grauer sind sie auch geworden ! wer hat denn da geld für bekommen so einen schwachsinn zu schreiben. zum glück habe ich noch mein gehirn und verstand behalten um das hier einordnen zu können. seid 10 jahren esse ich hochwertige vitamine,neben frischen obst und gemüse , in pulferform. ich lebe noch und nicht nur das, ich bin gesund !! fit und vital und freunde die mich jahre nicht gesehen haben fragen ob bei mir die zeit stehen geblieben ist.ich frage mich welcher schelm welche studien , von wem ausgewertet hat.

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