Deutsche Weine: Trendwandel eines Traditionsgetränks | EAT SMARTER
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Deutsche Weine: Von der Liebfrauenmilch zum Urschrei

Trendwandel eines Traditionsgetränks

Deutsche Weine

Schwer, meist lieblich und oft kopfschmerzträchtig: Vor rund 50 Jahren hatte der Rebensaft, den unsere Eltern oder Großeltern in Kristall- oder Römergläsern kredenzten, nicht viel mit dem leichten und unkomplizierten Weingenuss zu tun, den deutsche Genießer heute schätzen. Denn die Generation junger Winzer hat das einst eher biedere Image der deutschen Weine inzwischen kräftig entstaubt.

Gemüse aus dem Hofladen, Fleisch vom Landschlachter und Eier direkt vom Bauern – deutsche Verbraucher mögen’s regional und bevorzugen mehr und mehr heimische Produkte. Dieser Trend setzt sich beim Wein fort; der Anteil heimischer Weine am gesamten Weinabsatz stieg 2013 um weitere zwei Prozentpunkte auf mittlerweile stolze 46 Prozent. Eine Entwicklung, über die sich Ernst Büscher, Pressesprecher des Deutschen Weininstituts (DWI) in Mainz, sehr freut: „Das zeigt, dass die neue deutsche Winzergeneration genau auf dem richtigen Weg ist und den Geschmack der Konsumenten trifft.“ Und die trinken zur modernen leichten Küche am liebsten fruchtbetonte, harmonische Weine mit moderatem Alkoholgehalt und im Vergleich zu vor einigen Jahren auch wieder etwas mehr Restsüße.

Weißwein holt auf, Bio boomt

Diese Anforderungen erfüllen deutsche Weine aufgrund der klimatischen Bedingungen hierzulande ideal. „Die lange Reifeperiode bis Oktober und manchmal sogar bis in den November hinein bringt die Fruchtigkeit; die eher nördliche Lage des Weinlands Deutschland ermöglicht feine Tropfen mit einem niedrigeren Alkoholgehalt als in sonnigeren und wärmeren Anbauländern“, erklärt der Experte. Nachdem deutsche Weintrinker lange Jahre überwiegend zu Rotwein griffen, liefert sich der „Weiße“ mit Unterstützung des „Rosé“ mittlerweile ein knappes Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem „Roten“(2013: 49 % Rotwein, 51 % Weiß- und Roséwein). Bei Weißwein sind vor allem die Rebsorten Sauvignon blanc sowie Weiß- und Grauburgunder im Kommen. Der in Deutschland hauptsächlich in der Pfalz und Rheinhessen angebaute Sauvignon blanc punktet mit herber Frische, Weißburgunder mit einer Leichtigkeit, die besonders gut zu Pasta, Fisch und hellen Saucen passt. Grauburgunder kommt etwas würziger daher. „Ein toller Sommerwein“, findet Ernst Büscher, „länger gereift jedoch durchaus auch eine Alternative zu Rotwein und ein guter Begleiter zu kräftigen Speisen.“

Inzwischen ebenfalls ein großes Thema für die „jungen Wilden“ unter den Winzern: Weine aus ökologischem Anbau. „Im Jahr 2012 wuchsen bereits auf 7,5 % der deutschen Rebfläche Bio-Weine, das entspricht einer Verdoppelung innerhalb von fünf Jahren“, weiß der Pressesprecher des Deutschen Weininstituts.

Qualität wächst im Weinberg

Für ihre Trendtropfen legen sich die jungen Hersteller deutscher Weine mächtig ins Zeug. Oftmals besser ausgebildet als die Elterngeneration und mit internationaler Erfahrung im Gepäck, besinnen sie sich auf das Nötigste und verzichten auf überflüssigen Schnickschnack nach dem Motto „Qualität wächst im Weinberg und nicht im Keller“. Sie setzen beispielsweise auf vollreifes gesundes Lesegut, eine naturnahe schonende Produktion, weniger Filtration, natürliche Hefen und eine besonders langsame Gärung, die die Aromen im Wein wunderbar erhält. Manche modernen Winzer reduzieren im Hinblick auf die Qualität im Premiumsegment gar ihren Ertrag, indem sie im Spätsommer die Traubenmenge halbieren, um dem Rebstock dadurch mehr Kraft zu geben – für ihre Mütter und Väter noch undenkbar!

Das Auge trinkt mit

Optisch gab es ebenfalls einen Generationenwechsel rund um deutsche Weine. Statt verstaubter Weinkellerromantik offerieren die „jungen Wilden“ ihre Weine in schicken Präsentationsräumen und vermitteln Weinwissen zum Anfassen und ein frisches junges Weinerlebnis. Das zeigt sich auch auf den Flaschen. Modern und eher minimalistisch gestaltete Flaschenetiketten tragen mitunter Namen wie „Urschrei“ oder „Kopfstand“. Einen besonders schönen Ansatz verfolgt dabei das Weingut Metzger aus der Pfalz, das getreu seinem Namen auf den Flaschenetiketten Rinderhälften abbildet und seine unterschiedlichen Weinqualitäten nach Fleischstücken benennt – von „Filet“ für die besonders edlen Gewächse bis hin zu „Flanke“ für das Basissortiment.  Eine wirklich witzige und innovative Idee, finden wir!

Die Verschlussfrage: „Knack“ oder „Plopp“?

Wein mit Schraubverschluss? Vor noch gar nicht so langer Zeit rümpften Weinkenner darüber geringschätzig die Nase und verbanden den Flascheninhalt automatisch mit minderer Qualität. Inzwischen besitzt rund die Hälfte der deutschen Weinflaschen einen Schraubverschluss, selbst bei vielen deutschen Spitzenweißweinen macht es beim Öffnen immer häufiger „Knack“ statt „Plopp“. Vor allem Hersteller von Premium-Rotweinen schwören nach wie vor auf echte Korken, die pro Stück mit stolzen 50 Cent und mehr zu Buche schlagen.

Parallel verwenden einige Winzer neben Schraubverschlüssen auch Kunststoffkorken, deren Marktanteil hierzulande bei rund 25 % liegt und damit gleichauf mit den aus der Korkeiche hergestellten Pfropfen. Ähnlich wie Schraubverschlüsse schließen sie den manchmal auftretenden Korkgeschmack komplett aus, der bei echten Korken naturgemäß immer mal wieder auftritt und zu lästigen Reklamationen führt.

(JH)

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