Die Wahrheit über die Currywurst | EAT SMARTER
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Die Wahrheit über die CurrywurstDurchschnittliche Bewertung: 4.5152

Die Wahrheit über die Currywurst

Seelenfutter, kalorienstarker Imbiss und Fastfood mit Kultstatus. Die Entscheidung für die Currywurst fällt im Bauch. Sie ist kein Diätsnack. Warum sie trotzdem alle lieben, sagt Ihnen EAT SMARTER.

Sie ist so alt wie die Bundesrepublik: Die Currywurst, erfunden in Berlin in der Imbissbude von Herta Heuwer, Kantstraße, Ecke Kaiser-Friedrich-Straße. "Es war in einer regnerischen Herbstnacht des Jahres 1949, am 4. September", berichtete die Erfinderin. "Es goss kleene Kinderköppe, keen Mensch war an meiner Bude. Aus Langeweile rührte ich Gewürze mit Tomatenmark zusammen. Und es schmeckte herrlich." Mit ihrer Kreation, zu der Worcestesauce, Chilipulver und weitere Zutaten gehören, überzog Herta Heuwer eine gebratene Bockwurst. Zehn Jahre später ließ sich die Erfinderin ihre Soße unter dem Namen "Chillup" als Marke schützen (Deutsches Patent Nummer 721319, erteilt am 21. Januar 1959). Das Rezept samt Namen an den US-Foodkonzern Kraft zu verkaufen, lehnte Frau Heuwer ab. Ihr florierendes Unternehmen, mittlerweile in ein festes Ladenlokal umgezogen, war rund um die Uhr geöffnet und beschäftigte zu seinen besten Zeiten 19 Angestellte. Heute erinnert dort eine Gedenktafel an die Schöpferin der Currywurst. In der Nachkriegszeit bescherte die Wurst mit der exotischen Würze den Deutschen den Geschmack der großen weiten Welt. Als klassenloses Fastfood schmeckte sie bald auch den Berlinern im Ostteil der Stadt und wurde zum deutschen Nationalgericht, anerkannt vom amerikanischen Web-Lexikon Wikipedia. Als Bundeskanzler spazierte Gerhard Schröder in Berlin gern auf eine gut gewürzte Wurst aus dem Amt, in der Kantine des VW-Stammwerks in Wolfsburg geht "die Curry" zwei Millionen Mal pro Jahr über den Tresen. Currywurst ist Leibgericht und Seelentröster, besungen von Herbert Grönemeyer mit den Worten von Diether Krebs. "Mit oder ohne?" wird gefragt, wer in Berlin eine Currywurst begehrt. "Mit" bedeutet mit Pelle, also eine rote, geräucherte und gebratene Brühwurst, "ohne" eine "Spandauer ohne Pelle", also eine weiße Wurst ohne Hülle. Beide Varianten werden in Öl gebraten und, in Stücke geschnitten oder ganz, auf der Pappschale mit Currypulver bestreut und mit Soße übergossen. Wer es "scharf" bestellt, bekommt Cayennepfeffer dazu, "mit Körnern" bedeutet mit Chilisamen. Was Grönemeyer und Fans in Bochum und anderswo im Ruhrgebiet bekommen, ist die westdeutsche Variante, eine weiße Bratwurst mit roter Soße und Curry. Die darmlose "Spandauer" wurde von Fleischermeister Max Brückner erfunden, der um 1950 aus dem Erzgebirge nach Westberlin kam. Weil in seiner Heimat Därme oft knapp waren, hatte er an einer hüllenlosen Wurst getüftelt. Eigentlich wollte der Thüringer Metzger eine "Thüringer" schaffen, die auf dem Rost gegrillt wird. Doch es stellte sich heraus, dass sie ohne Pelle in Öl gebraten besser schmeckte. In Westberlin angekommen, gründete Brückner einen eigenen Betrieb, und es fügte sich wunderbar, dass sich seine Wurst ohne Pelle aufs Schönste mit Herta Heuwers Soße vermählte. Im Gegensatz zu anderen Imbiss-Spezialitäten, weiß man bei der Currywurst, was man isst. Sie besteht zu 50 bis 60 Prozent aus Muskelfleisch vom Schwein, manchmal mit einem Anteil Rind und höchstens 30 Prozent Speck, den Rest machen Wasser und Gewürze aus. Ursprünglich war Curry nur in der Soße, doch heute würzen einige Hersteller bereits ihr Brät, also die Rohmasse der Wurst, mit Curry-Bestandteilen wie Gelbwurz, Ingwer, Kreuzkümmel, Chili und Muskat. Mit Soße und Brötchen kommt eine typische Portion auf gut 600 Kalorien. Keine klassische Diätspeise also. Kann sie auch nicht sein! Denn Currywurst ist ein Lustobjekt, das der Bauch begehrt, wenn der Kopf es zulässt. Also nichts für täglich und immerzu, sondern für die besonderen Gelegenheiten, wenn die Seele nach wärmenden Proteinen und beruhigenden Kalorien, nach süßer Schärfe und saftigem Wurstgeschmack ruft. Diese gelegentliche Currywurst, ohne Reue mit Genuss verzehrt, ist der liebenswerte Kontrapunkt zur gesunden Lebensführung im Alltag. Und sie ist völkerverbindend - wie man im Film "Best of the Wurst" von Grace Lee sieht. Die US-koreanische Filmemacherin aus L.A. erkundete Berlin, indem sie mit ihrem Team von Wurstbude zu Imbissstand zog. Wer noch am Kultstatus des Nationalgerichts zweifelt, wird im Berliner Currywurst-Museum eines Besseren belehrt (Schützenstraße 70, nahe dem Checkpoint Charlie). Und für die Currywurst-Party daheim kann man sich Würste und Soßen aus Berlin schicken lassen.
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Zur Entstehung der Currywurst gibt es noch eine andere Geschichte - und als Anbieter aus HH sollte man auch die erzählen... (die fiktive Lena vom Großneumarkt und ihre echte Currywurst)
 
Liebes Team, dieser Artikel über die "Currywurst" von Peter Hubschmid ist nicht nur interessant, sondern auch köstlich! Für diese treffende Aussage "Die Currywurst ist ein Lustobjekt, daß der Bauch begehrt, wenn der Kopf es zuläßt"!!!!!!!!!!!!!! verdient Herr Hubschmid ein besonderes Lob!! Daß man beim Schlaulesen über eine Currywurst auch noch zum Lachen kommt, ist einfach wunderbar!!! Bitte weiter so humorvoll! Das macht Spass! Danke U. Lohmann