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Sportsucht bei Jugendlichen

Wenn Fitness zur Sucht wird

Wenn Jugendliche sich für „ihren“ Sport begeistern, ist das erst einmal natürlich positiv. Doch was, wenn der Sport überhand nimmt und sich das ganze Leben um das tägliche Workout dreht? EAT SMARTER hat mit einem Sportpsychologen über das Phänomen Sportsucht gesprochen.

Jugendlicher läuft mit Kopfhörern

Der 15-jährige Sohn quält sich an sechs Tagen die Woche im Fitnessstudio. Die 16-jährige Tochter wird gereizt, wenn sie auf ihre tägliche Joggingrunde verzichten muss. „Ist dieses Verhalten noch normal, oder müssen wir eingreifen?“, fragen sich viele besorgte Eltern.

Sportsucht“ – vor wenigen Jahren noch nahezu unbekannt, bezeichnet der Begriff ein gestörtes, krankhaftes Verhältnis zur Bewegung. Viele Menschen behaupten von sich, süchtig nach der täglichen Sporteinheit zu sein. Doch süchtig im klinischen Sinne sind sie deshalb noch lange nicht. Wo also liegt der Unterschied zwischen extrem sportlich und sportsüchtig?  

Kurz gesagt: Die Sport- und Bewegungssucht trägt starke Anzeichen von Abhängigkeit und Missbrauch – eben wie eine Sucht. Diese äußert sich vor allem in vier Symptomen:

  1. Kontrollverlust und Zwangserleben: Die betroffene Person hat den Umfang des Sportpensums nicht mehr im Griff und fühlt sich von außen gesteuert.
  2. Maßloses Sporttreiben: Verletzungen und Übertraining werden in Kauf genommen, um dem Drang nach Sport gerecht zu werden.
  3. Leidensdruck: Sport wird nicht mehr als positiv empfunden, sondern ist zunehmend mit Unwohlsein, Ängsten oder Ärger verbunden.
  4. Soziale Vernachlässigung: Beziehung, Freunde und Job leiden unter dem enormen Sportpensum des Betroffenen.

Wie Sie Anzeichen der Sportsucht erkennen

Eines vorab: Wenn Ihr Kind ganze Nachmittage auf dem Bolzplatz, in der Turnhalle oder dem Sportstudio verbringt, ist das kein Grund zur Besorgnis – so lange Ihr Sohn oder Ihre Tochter strahlend und glücklich nach Hause kommt.

„Ein Alarmzeichen ist hingegen, wenn Ihr Kind unglücklich wirkt“, sagt Jens Kleinert, Diplom-Sportlehrer und promovierter Arzt, der die Abteilung für Gesundheit und Sozialpsychologie am Psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule in Köln leitet; „auch wenn Sie bemerken, dass Ihr Kind seine Freunde vernachlässigt und seine Entwicklung jenseits des Sports leidet, sollten Sie wachsam sein.“

Sportsucht kommt selten allein

Die Mehrzahl der Betroffenen ist nicht „nur“ sportsüchtig; bei ihnen ist das exzessive Sporttreiben die Begleiterscheinung einer anderen Erkrankung, typischerweise einer Ess- oder einer Körperwahrnehmungsstörung. Man spricht hier von sekundärer Sportsucht.

„Die Sportsucht wird dem Muster der Grunderkrankung gerecht“, sagt Jens Kleinert; „Magersüchtige Jugendliche beispielsweise eifern irrationalen Idealen nach und leiden unter dem Zwang, ihr Leben kontrollieren und planen zu wollen“. Die Sportsucht werde diesem Muster gerecht, denn auch hier habe der oder die Jugendliche das Gefühl, alles kontrollieren und den Körper dem Ideal entsprechend formen zu können.

Beim Joggen zum Beispiel lassen sich gezielt die Kalorien des Mittag- oder Abendessens abtrainieren, im Fitnessstudio gezielt „Problemzonen“ trainieren.

Ist die Sportsucht ein zunehmendes Phänomen?

Nein, sagt Experte Jens Kleinert; „wir reden heute nur mehr darüber.“ Auch Schönheitsidealen nachzueifern, die zum Beispiel von TV-Sendungen wie Germany´s Next Top Model suggeriert werden, sei kein neues Phänomen. Es gebe keinen Nachweis, dass immer mehr Jugendliche sportsüchtig seien, so Kleinert.

Doch der Experte gibt zu, dass heute mehr Einflüsse auf junge Menschen einwirken als bei früheren Generationen. Zum Beispiel das soziale Netzwerk Instagram, in dem Nutzer ihre perfekt gestählten Körper präsentieren: „Ein Jugendlicher muss immer stärker und selbstbewusster werden, um den Ansprüchen zu genügen.“

Hier seien die Eltern gefragt: Ihre Aufgabe sei es, einen Schutzraum aufzubauen, aber auch Alternativen zu leben und gemeinsam mit dem Kind aktiv zu werden, sei es auf dem Bolzplatz, beim Klettern oder bei einer Fahrradtour.

Wie können Eltern ihren Kindern helfen?

Zuzusehen, wie der Sohn oder die Tochter ihren Körper mit einem mörderischen Sportprogramm malträtiert und dabei sichtbar leidet, ist für Eltern schmerzlich. Jens Kleinert rät jedoch, erst einmal abzuwarten und Tochter oder Sohn genau zu beobachten: Wie glücklich wirkt das Kind? Was passiert im Freundes- und Bekanntenkreis?

Wichtig sei auch, interessiert nachzufragen und auch zuzuhören, wenn das Kind erzählen möchte. Denn oft, so berichtet Jens Kleinert, gehe die Sportsucht mit einem enormen Leidensdruck einher, den die Betroffenen nicht mehr alleine tragen können und wollen.

Ein nächster Schritt sei es, sich Hilfe zu holen. Eine gute Anlaufstelle ist das Netzwerk www.mentalgestaerkt.de der Sporthochschule Köln. Hier finden Eltern erste, grundlegende Informationen und können sich beraten lassen, wie sie ihrem Kind am besten helfen.

(lin)

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Bild des Benutzers Gänseflower
Sehr aufklärend, doch einmal mehr ein Auge zu werfen auf was wirklich essentiell ist und wie es dem eigenen Kinde geht - jeder sieht sich in einer Welt voller Oberflächligkeiten Wertschätzungen anderer ausgesetzt und dies kann einfach in übersteigertem Wahn, wie auch in Fitness, enden - darum gesundes sporteln ja, sich quälen nein!