"Früher wollte ich die Welt an einem Tag retten" | EAT SMARTER
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"Früher wollte ich die Welt an einem Tag retten"Durchschnittliche Bewertung: 51510

Jamie Oliver im Interview

"Früher wollte ich die Welt an einem Tag retten"

Seit Jahren kämpft Jamie Oliver weltweit für eine gesündere Ernährung und der Koch hat einige Erfolge aufzuweisen. Aufgrund seiner Feed-me-better-Kampagne stellte die britische Regierung 2005 rund 417 Millionen Euro für die Verbesserung von Schulkantinen zur Verfügung. Doch so sehr ihn die Menschen für seinen Einsatz lieben, so sehr stießen seine radikalen Aktionen auf Missfallen. Im Interview mit EAT SMARTER erzählt der Koch, was er aus seinen Erfahrungen gelernt hat.

Herr Oliver, Ihr Engagement wird auch in Deutschland verfolgt. Im November haben Sie dafür den Deutschen Nachhaltigkeitspreis bekommen. Die Deutschen scheinen Sie zu mögen.

Das ging vor etwa sieben Jahren los. Ich kam vor allem bei den deutschen Jugendlichen gut an. Und dann hat es sich auf die Mütter und Väter übertragen. Die Deutschen sind sehr nett und sehr, sehr loyal. Das ist nicht überall so. 2010 hagelte es bei

Ihnen wieder einmal Kritik, sogar aus der englischen Politik.

Na ja, Andrew Lansley war der einzige Kritiker...

... kein Geringerer als der Gesundheitsminister. Er sagte, Sie sollen aufhören, die Leute zu belehren und bezeichnete Ihr Engagement an den Schulen als unbrauchbar. Haben Sie das erwartet?

Ich war sauer. Ich dachte: Warum sagt er das? Warum übt er Kritik daran, dass jeder die Missstände in unseren Schulkantinen ändern wollte? Aber seitdem er sich bei mir entschuldigt hat, nehme ich an, dass er einfach falsch informiert war. Eigentlich wusste er doch gar nicht, wovon er sprach. Das Beste aber war, dass ihm die Öffentlichkeit kräftig die Meinung gesagt hat. Wissenschaftler, Journalisten, sie alle machten mit. Da habe ich mich wirklich unterstützt gefühlt.

Die Bevölkerung steht also hinter Ihnen?

Größtenteils. Zumindest die aufgeklärten Menschen, denen ich die Einfachheit von gesunder Ernährung gezeigt habe und wie sich das auf ihre Kinder auswirkt. Das sind vielleicht 70 Prozent. Aber ich sorge mich eher um die 30 Prozent, die mich vielleicht nicht mögen und die vielleicht noch nicht aufgeklärt sind. Und das sind oft die Menschen, die siebenmal in der Woche Fast Food essen.

Auch die Menschen wissen meistens, dass Burger, Pizza oder Süßigkeiten ungesund sind. Aber sie essen die Dinge trotzdem.

Ich habe nichts gegen dieses Essen. Als Genussmittel. Aber das ist eine Sache, die viele Leute nicht verstehen. Sie denken, dass ich gegen Burger und Süßigkeiten bin und sie am liebsten verbannen möchte. Das stimmt nicht. Aber ich bin für Aufklärung. Die Menschen sollen erfahren, dass Burger und Pommes eben nur Genussmittel sind und dass man sie nicht jeden Tag essen sollte. Wenn Du schon Burger isst: Lerne, dir einen eigenen zu machen. So musst Du nicht immer diese Fertigprodukte essen.

Steht für Sie gesunde Ernährung immer im Vordergrund?

Das ist nun einmal meine Leidenschaft. Wir leben im Jahr 2010. Mehr als 80 Prozent der Patienten im Krankenhaus gehen aus ernährungsbedingten Gründen dorthin. Das bewegt mich, ich mache mir Sorgen um die Entwicklung der nächsten 15 Jahre. Ich glaube aber, dass die Öffentlichkeit nicht dumm ist. Wenn man den Menschen gute, klare Informationen gibt, werden sie ihr Verhalten ändern.

Wollen die Menschen das denn? Als sich die Speisepläne in den englischen Schulküchen änderten, brachten Mütter in Rotherham ihren Kindern Burger an den Schulzaun.

Oh ja, das taten sie. Ein perfekter Augenblick für die britische Presse. Aber es hatte nichts mit mir zu tun. Es lag am Schulleiter. Der hatte zur Mittagszeit die Schultore schließen lassen, sodass niemand hinauskam. Die Kinder waren hungrig.

Weil sie nicht in der Kantine essen wollten?

Der Schulleiter hatte den Essens-Service noch nicht unter Kontrolle. So kamen die Mütter mit Burgern und Pommes. Die Bilder waren außergewöhnlich, die Szene wirkte wie in einem Strafgefangenenlager. Viele Hände streckten sich aus dem Schulzaun, davor standen diese Frauen auf Gräbern. Sie standen auf Gräbern! Mit Burgern und Sandwiches in den Händen. Die Presse liebte diese Bilder.

Werden Sie häufiger angefeindet?

Ich denke, vielen Leuten ist nicht klar, was ich tue. Meine Arbeit ist ziemlich wichtig, aber sie ist wirklich nicht angenehm. Das war nicht nur in England so. Als ich in den USA in Huntington arbeitete, wollten mich die Leute dort nicht haben. Ich war einer der unbeliebtesten Menschen in der Stadt. Drei Monate später zeichnete mich der Bürgermeister mit einem Ehrenpreis aus. Es sind Extreme, zwischen denen ich mich bewege, auch in Rotherham in England.

Was haben Sie dort genau gemacht?

Wir haben in der Stadt die Idee des Ministry of Food entwickelt. Wir richten Küchen ein und zeigen den Menschen, wie man kocht. In Rotherham haben wir 8500 von ihnen in einem Jahr unterrichtet, fast zehn Prozent der Einwohner. Das Ganze hat gerade einmal 130 000 Pfund gekostet. Das war verhältnismäßig billig, und die Menschen haben direkt gelernt, bewusster einzukaufen, bewusster zu kochen und bei der Ernährung auf sich selbst und ihre Kinder zu achten. Die Menschen wollen offenbar diese Hilfe, die Kurse sind bis Mai 2011 ausgebucht. Die Lösung liegt nicht nur bei den Schulen, sondern auch in der Zusammenarbeit von Regierungen und Unternehmen.

Was kann ein Unternehmen tun?

Nimm eine Fabrik, in der 3000 Menschen arbeiten. Sie essen das, was es in der Kantine gibt, fünf Tage in der Woche. Das Essverhalten kann sich auf ihre Kinder übertragen. Und hier sollte man dringend nachbessern. Denn das Verrückte ist: Zahlreiche Wissenschaftler haben bewiesen, dass eine ausgewogene Ernährung dafür sorgt, dass ein Gehirn zehn Prozent mehr Leistung bringen kann. Wenn man in einer Firma kreativ arbeiten muss, können zehn Prozent schon einen Unterschied machen. Ich meine, wir müssen unsere Haltung überdenken. Wie ernähren wir unsere Mitarbeiter, unsere Patienten in den Krankenhäusern, unsere Kinder in den Schulen?

Was raten Sie den Menschen?

Lassen wir mal die Süßigkeiten, Pommes und Kuchen beiseite. Nebenbei gesagt: Ich liebe Pommes und Kuchen. Aber es geht um die vermeintlich unschuldigen Lebensmittel mit ihrem Extra an Fett, dem vielen Zucker, dem Salz oder den künstlichen Geschmacksverstärkern. Was helfen kann: Wenn Sie eine Packung nehmen, auf die Zutatenliste schauen und nicht verstehen, was Sie da lesen, dann vergessen Sie es. Kaufen Sie diese Packung nicht.

Wie kann man das Thema seinen Kindern erklären?

Die wichtigste Anregung ist: Machen Sie mit Ihrem Kind kleine Schritte, Tag für Tag, anstatt das Thema Ernährung einmal am Wochenende groß anzusprechen. Seien Sie dabei nicht dramatisch, kein Revolutionär oder Hippie. Und Sie müssen Fast Food auch nicht verdammen. Zeigen Sie dem Kind einfach, wie vielfältig Ernährung sein kann. Wenn Essen Spaß macht, werden Sie niemals ein Problem damit haben, sich mit Ihren Kindern über gesunde Ernährung auseinanderzusetzen.

Wie kann man Kinder für Salat begeistern?

Oh, Salat kann ganz schön interessant sein. Wenn Sie am Tisch stehen, schauen Sie von oben in die Schüssel. Aber wenn Ihr Kind daneben steht, dann spielt sich das Ganze direkt vor seinen Augen ab. Sie machen das Dressing, geben zum Beispiel Olivenöl hinzu und mischen alles zusammen. Wenn Sie es spannend machen, schaut Ihr Kind gebannt zu.

Sie thematisieren auch immer wieder Massentierhaltung

Ich mag sie nicht. Ich habe noch nie gesehen, dass ein Betrieb die Tiere so hält, wie ich sie halten würde. Und ich würde die Produkte auch nicht essen wollen. Ich habe eine Menge über Massentierhaltung gelernt. Und ich habe Kampagnen gestartet, mit denen ich die Missstände zeigen wollte.

aben Sie Mitleid mit den Tieren?

Ich denke, Mitleid ist in diesem Zusammenhang eine sehr menschliche Art, die Dinge zu sehen. Aber wenn man seinem Herzen folgt, dann entwickelt man einen Instinkt für ein korrektes Verhalten. Ich esse Fleisch. Und ich kaufe sehr viel Fleisch für meine Restaurants. Aber ich werde meinen Kunden nichts servieren, was ich nicht selbst essen würde. Und ich will nicht, dass die Tiere in ihren Exkrementen leben müssen oder sich gegenseitig verletzen. Und ich will auch nicht, dass sie kein Tageslicht sehen.

Und was ist, wenn es den Menschen einfach egal ist?

Wenn die Leute wüssten, wie ihr Fleisch hergestellt wird, würden Sie es nicht essen. Sie würden es nicht essen, wenn sie wüssten, dass Tiere kastriert werden ohne Schmerzmittel. Vor drei Jahren habe ich eine Kampagne über Hühnerhaltung und die Produktion von Eiern gemacht. In England werden nun keine Eier mehr von Hühnern aus Legebatterien verkauft. Diese Eier tauchen höchstens noch in Fertigprodukten auf.

Gerade diese Aktion war überaus umstritten. Sie haben vor laufender Kamera ein Huhn getötet. Würden Sie das wieder tun?

Ja, ohne Frage.

Warum sind Sie so überzeugt?

Viele haben die Sendung gar nicht gesehen. Als sie dann die Schlagzeilen lasen, wussten sie gar nicht genau, worum es ging. Ich wollte den Menschen zeigen, was auf Hühnerfarmen in der ganzen Welt gemacht wird, nur damit wir billiges Fleisch und billige Eier bekommen.

Gab es neben der Kritik auch andere Reaktionen?

Das war eine große Sache. Am Tag nach der Sendung stiegen die Verkäufe von Freilandeiern um fast 40 Prozent. Im Vergleich zu der Zeit vor meiner Sendung werden immer noch mehr Freilandeier verkauft. Wenn man den Menschen gute, klare Informationen gibt, dann kaufen sie anders ein.

Seit mehr als zehn Jahren setzen Sie sich für Ihre Themen ein. Hat Sie das persönlich verändert?

Nun, ich denke, meine Haltung hat sich geändert. Ich hatte meine Jahre, in denen ich meine Meinung laut herausgeschrien habe.

Gerade wegen solcher Akte warf man Ihnen Selbstdarstellung vor.

Ich wurde niedergemacht von Leuten, die es einfach nicht besser wussten, die nicht die Details kannten. Früher habe ich Kleinkrieg um Kleinkrieg geführt, und es hat mich in Wahrheit nicht vorangebracht.

Und heute?

Ich verfolge die Philosophie der kleinen Schritte. Früher wollte ich die Welt an einem Tag retten. Und nun mache ich es halt der Reihe nach. Aber das frustriert mich nicht. Ich versuche mich auf die Menschen zu fokussieren. Wenn man sie aufklärt, werden sie ihr Geld bewusster ausgeben. Gerade junge Menschen kochen nur noch für eine Mahlzeit. Aber sie wissen nicht mehr, welche Lebensmittel man kaufen kann, um daraus auch am nächsten Tag noch ein Gericht zu kochen.

Herr Oliver, herzlichen Dank für das Gespräch.

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Sehr interessanter Artikel. Jamie ist hat's kapiert und kämpft gegen die Windmühlen der Lebensmittelindustrie! Nur der Einzelne kann sich dieser oktroierenden Lobby durch gezieltes Einkaufsverhalten erwehren. Und ganz nebenbei - warum soviele Schreibfehler? Sogar fehlende Worte? Wie kommt das?
 
Von Jamie Oliver kann man / Frau nicht nur richtiges Essen sondern auch gesunde Lebenserkenntnisse (die WElt NICHT an einem Tag verändern wollen) lernen.