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Wie wir unsere Lebensmittel verschwendenDurchschnittliche Bewertung: 41513

Jetzt im Kino: "Taste The Waste"

Wie wir unsere Lebensmittel verschwenden

Zu groß, zu klein, zu krumm: Jährlich werden in Europa rund 90 Millionen Tonnen genießbare Lebensmittel weggeschmissen, weil sie optisch nicht den hohen Ansprüchen von Verbrauchern und Handel genügen. Die Dokumentation "Taste The Waste", die ab heute im Kino läuft, zeigt nun eindrücklich, wie wir unsere Lebensmittel verschwenden und welche Folgen das für Menschen, Nahrungsmittelpreise und das Klima hat.

Jede Ernte ist für Kartoffelbauer Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf eine Zerreißprobe für sein Gewissen. Fast die Hälfte der Kartoffeln wirft er, gleich nachdem er sie aus der Erde gegraben hat, wieder zurück aufs Feld. Sie sind zu klein, zu groß oder nicht gleichmäßig geformt. Weder ihr Geschmack noch ihr Nährstoffgehalt ist minderwertig. Verkaufen kann zu Baringdorf sie trotzdem nicht mehr. Denn der Verbraucher hat genaue Vorstellungen, wie eine Kartoffel geformt sein muss. Was nicht perfekt aussieht, kauft er nicht. Der Handel richtet sich nach diesen Wünschen, schließlich wollen die Supermärkte vor allem eins: verkaufen und Gewinn machen. Zudem lassen sich Waren, die gleichmäßig groß sind, effizienter verpacken. Krumme Gurken als Kasschenschlager? Fehlanzeige. Denn gerade Gurken - auch wenn sie nicht anders schmecken - lassen sich nun einmal besser in Kartons stapeln. Kartoffelbauer zu Baringdorf glaubt, dass diese Zusammenhänge Verbrauchern nicht bewusst sind. "Wer sich nicht mit der Kartoffelernte auskennt wird glauben, dass die Ernte noch gar nicht statt gefunden hat", sagt zu Baringdorf mit Blick auf sein Feld. Um sein "moralisches Gewissen" zu beruhigen, unternimmt er nichts gegen die, die sich die aussortierten Kartoffeln vom Feld sammeln.

Gerade Gurken lassen sich besser verpacken

Wie wir unsere Lebensmittel verschwenden zeigt Regisseur Valentin Thurn jetzt eindrucksvoll in der Dokumentation "Taste The Waste" (Kinostart 08.09.2011). Der Zuschauer sieht vor allem eins: Müllberge von Lebensmitteln. Vor Supermärkten, auf Großmärkten, auf Feldern. In Österreich fand man heraus: Ein durchschnittlich großer Discounter wirft täglich 45 Kilo Lebensmittel weg. Dabei handelt es sich nicht um Essen, das schimmelt oder verdorben ist. Es wäre noch uneingeschränkt genießbar. Kaufkriterien sind nicht nur Form und Farbe, auch das Mindesthaltbarkeitsdatum ist entscheidend. Supermärkte sortieren Joghurts und andere Produkte mitunter schon sechs Tage vor Ablauf der Haltbarkeit aus, um Kunden stets frische Waren zu präsentieren. In Japan wird das Mindesthaltbarkeitsdatum gar in Stunden angegeben, auf dem Pariser Großmarkt wirft man ganze LKW-Ladungen Orangen weg, wenn nur in einem Karton überreife Früchte sind. In der Europäischen Union landen so jährlich rund 90 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll, auch in Amerika wird das Problem immer größer. "Mit dem Essen, das wir in Europa und Nordamerika wegwerfen, könnten alle Hungernden der Welt dreimal satt werden", fasst die Dokumentation die Menge an weltweiten Lebensmittel-Abfällen zusammen.

Absurde Normen, strenge Gesetze

Auch die Politik trägt ihren Teil zur Lebensmittel-Verschwendung bei. Sie verabschiedet Normen, die vorschreiben, wie groß ein Apfel sein darf oder wie viele Bananen an einem Strunk hängen dürfen und setzt so die Bauern unter Druck. Auch wird genau vorgegeben, was mit den aussortierten Lebensmitteln passieren soll. Und dabei sind die Gesetzgeber nicht so großzügig wie Kartoffelbauer zu Baringdorf: Nimmt man sich etwas aus den Müllcontainern der Supermärkte, ist das rechtlich gesehen Diebstahl. Um diesen Konflikt zu umgehen, zäunen viele Supermärkte ihre Abfallbehälter inzwischen ein. Aus Angst vor Seuchen wie zum Beispiel der Schweinepest, ist es in der ganzen EU zudem inzwischen verboten, Lebensmittel-Reste zu Tierfutter zu verarbeiten. Gesetze schränken ebenso ein, wie viele der Lebensmittel an Hilfsorganisationen wie die Tafeln weitergegeben werden dürfen.

Entwertung der Lebensmittel

So sind wir zu einer wahren Wegwerfgesellschaft geworden. Die Entwertung und Verschwendung von Lebensmitteln lässt die Weltmarktpreise steigen, unsere Lebensmittel werden immer teuerer. Und auch die Umwelt leidet unter den Müllbergen: 15 Prozent der Belastung durch das Treibhausgas Methan entsteht durch verrottende Lebensmittel. Regisseur Thurn vergleicht: Würde sich die Menge des Lebensmittel-Mülls halbieren, hätte das den gleichen positiven Effekt auf die Klimagase, als würde man jedes zweite Auto stilllegen.

Verbraucher, Wissenschaftler, Aktivisten, Händler, Bauern - sie alle kommen bei "Taste The Waste" zu Wort. Und lassen den Zuschauer schließlich mit einem beklemmenden Gefühl der Hilflosigkeit und einer drängenden Frage zurück: Was kann ich ab heute besser machen, und: würde das überhaupt etwas bringen?

Taste The Waste - jetzt im Kino - www.taste-the-waste.de (bor)
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Sehr guter Artikel und jeder sollte sich den Film ansehen. Da Hunger offensichtlich ein Thema ist und bleiben wird (siehe Altersarmut, Kinderarmut, Tafeln, usw.), kann man die irrsinnigen EU-Richtlinien auf keinen Fall gutheissen. Als wenn man einem Gemüse oder Obst vorschreiben könnte, wie es zu wachsen hat. Man fragt sich wirklich, was das für Menschen sind, die solche Gesetze und Richtlinien erlassen.
 
Was mich persönlich sehr ärgert ist, daß viele Salate, Obst und Gemüse in so vielen Geschäften nur noch verpackt erhältlich ist. Und auf der Verpackung steht KEINERLEI Mindesthaltbarkeitsdatum, geschweige denn, wann das Zeug verpackt wurde. Auch sind die Verpackungen so clever gewählt, daß man die Schnittstellen nicht sehen kann. Fragt man, von wann das Zeug ist, dann heißt es immer nur 'frisch von heute'. Packt man das Zeug dann zu Hause aus, ist es so oft gammelig. Passiert bei Champignons, Salaten etc. Oder in den Geschäften schaut niemand nach der Ware. Da tummeln sich Schimmelpilze und angefaulte Ware inmitten von potentiell frischer Ware. Kauft natürlich dann auch keiner mehr. Kann denn nicht zweimal täglich jemand die Ware kontrollieren? Gibt es kein Gesetz, daß zumindest das Verpackungsdatum auf einer geschlossenen Verpackung vorschreibt? Leider kann nicht jeder im speziellen Gemüseladen einkaufen, wo man sich noch um die Qualität kümmert.... Und kann man nicht zumindest in Sachen bescheuerter Lebensmittelgesetze aus der EU austreten? Verbesserungen durch all die hirnrissigen Normen habe ich keine gesehen - nur das Gegenteil von Verbesserungen. Ich will keine genormten Gurken, keine genormten Tomaten. Ich habe auch kein Problem, bei einem Apfel eine ungleichmäßige Form zu haben oder einen 'Wurmstich' mit einem Obstmesser zu entfernen. Ich will, daß die Sachen schmecken! Wie die von Kati erwähnten Orangen aus Soller. Vielleicht sollte man darauf bestehen, daß Lebensmittelkunde in allen Schulen zum Pflichtfach wird...
 
Sehr guter Artikel und sehr notwendiger Film! Ganz abgesehen davon, dass Hunger im 21. Jahrhundert ja leider ein so zentrales Thema für so viele Menschen ist - und vermeidbar wäre -, hat die absurde Gesetzespolitik ja auch fatale Folgen für den Genuss an Lebensmitteln. Wenn die Tomate perfekt aussieht, aber nach nichts schmeckt, läuft was schief. Wie absurd das Ganze ist, zeigt auch ein anderes Parade-Beispiel für diesen Irrsinn: Orangen aus Sóller auf Mallorca, wo ich lange gelebt habe, gehören ganz zweifellos zu den besten der Welt und haben die Sollerics früher reich gemacht, weil sie in Frankreich höchst begehrt waren. Aber dann kam die EU-Gesetzgebung, und deren Normen - was Form und Größen angeht - entsprechen diese Orangen nicht... Darum gibt´s die heute vor Ort ab 70 Cent das Kilo, was einen natürlich freut, wenn man dort ist - und ansonsten nur übers Internet. Sinn macht das alles nicht.