Kulinarische Reise: London | EAT SMARTER
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Kulinarische Reise

Entdecken Sie London!

Zum „coolsten Platz im Universum“ haben die Amerikaner nicht New York gewählt und auch nicht San Francisco, sondern London. Briten würden jetzt erstaunt fragen: Yes, what else? Wo sonst sollte denn die Hauptstadt von Mode, Pop und Design sein? Und wo sonst auf der Welt gibt es einen Pub, der sich mit zwei Michelin-Sternen schmücken darf? Ein Streifzug durch das Babylon an der Themse.

Eine kulinarische Reise nach London

Big Ben

Wenn ein Mann“, sagte einst Samuel Johnson, „müde an London wird, ist er müde am Leben, denn es gibt in London alles, was das Leben bieten kann.“ Recht hat der nach Shakespeare meistzitierte britische Autor, auch wenn er sein Urteil schon vor mehr als 200 Jahren fällte. Immer noch bietet diese größte Metropole Europas alle Verlockungen und Sünden, alle Möglichkeiten und Chancen, alle Abgründe und Aufstiege. Hierhin zieht es diejenigen, die ihr Glück machen wollen, sind doch, wie das Sprichwort weiß, die Straßen der Stadt gepflastert mit Gold. Nichts gibt es in London, was es nicht gibt. Von den Amerikanern ist London zum „coolsten Platz im Universum“ gewählt worden, in Europa bestimmt es seit den 90er-Jahren des vergangen Jahrhunderts wieder die Trends in Kunst, Design, Musik, Mode und Medien. Zugleich ist die Stadt mächtiger Finanzplatz, der die Geldströme der Welt steuert, und kulturelles Kraftwerk, das den Ton in Sachen „lifestyle“ setzt. London ist heute einer der aufregendsten Orte der Welt.

Und doch: Auch wenn man an dieser Stadt nicht müde wird, so wird man es in ihr sehr schnell. Es ist die schiere Größe dieser Kapitale, kombiniert mit einem unzureichenden Transportsystem, die dem Flaneur rasch die Füße schmerzen lassen. Und es ist gerade jener magische „buzz“, die oft beschworene Energie Londons, die den dynamischen Pulsschlag der Metropole zur stressigen Hektik machen kann. Die Themse, der Gezeitenfluss, füllt sich in ewigem Rhythmus mit der Flut und entleert sich mit der Ebbe. London saugt jeden Morgen aus den umliegenden „home counties“ zwei Millionen Pendler ein und speit sie abends wieder aus. Zusätzlich zu den rund sieben Millionen Einwohnern ist das eine Menge Mensch: Die Massen strömen durch die engen Straßen, Verweilen gibt es nicht, alles denkt nur: vorwärts, vorwärts!

Pubs – die Ruheoasen der Millionenmetropole

Wie schön, dass es da Oasen gibt. Man nennt sie Pubs, und sie dürften als eine der wesentlichen britischen Beiträge zur globalen Zivilisation gelten. Der Pub ist, anders als etwa Bars oder Kneipen in Deutschland, die sich auf eine bestimmte Szene oder Klientel spezialisieren, grundsätzlich offen für jedermann. Hier treffen sich alle sozialen Klassen. Ob Bankmanager oder Arbeitsloser, hier spricht jeder mit jedem, denn im Pub sind alle gleich. Der integrative Ansatz trifft auch für die Generationen zu. Rentnerinnen, die genießerisch ihr Ale schlürfen, mischen sich mit Jungvolk, das sich an Alcopops hält. Nirgendwo in Großbritannien ist es leichter, ein Gespräch anzuknüpfen, als im Pub. Er ist ein fröhlicher Mikrokosmos der Nation, ein öffentliches Wohnzimmer sozusagen, von der plüschigen Einrichtung bis zum ungeschriebenen Recht, einen ganzen Nachmittag mit einem Pint dort zu verbringen, ohne dass einen der „Landlord“ vor die Tür setzt.

PubBeim Pub scheinen die Briten einmal etwas ganz und gar richtig gemacht zu haben, etwas, um das alle Nicht-Briten sie beneiden. Der Pub ist die britische Antwort auf die Hektik der Moderne. Mein Lieblingspub in London ist das „Wargrave Arms“, schon deshalb. Aber die Auswahl ist riesig, jeder dürfte hier leicht sein eigenes Kleinod finden. Waren britische Gaststätten früher durch die Bank berüchtigt für ihr ungenießbares Essen, so hat sich das heute, und vor allem in London, gründlich geändert: dank des sogenannten „Gastropub“.

1991 kam Landlord David Eyre auf diese brillante Idee, als er den Pub „The Eagle“ in der Farringdon Road übernahm: Warum nicht einfach gutes Essen zum Bier servieren? Die Idee hat die Kneipen- und Restaurantszene in Großbritannien revolutioniert. Heute gibt es Tausende von Gastropubs im Königreich, in denen eine eigentlich doch selbstverständliche Philosophie regiert: gekonnt zubereitete, oft aus regionalen Zutaten gekochte Speisen zu vernünftigen Preisen anbieten. Das hat viele Freunde gefunden. Und einige unter den Gastropubs gehören zu den besten Restaurants im Land.

Allen voran „The Ledbury“ in Notting Hill. Der Pub hat zwei Michelin-Sterne, rangierte 2011 unter den 50 weltweit besten Restaurants, verlangt allerdings dementsprechende Preise. Da zieht es mich eher um die Ecke, an den Anfang der Portobello Road, wo es ein spanisches Restaurant gibt, das den Eindruck vermittelt, dass die Zeit stehen geblieben ist. „Galicia“ ist so altmodisch, dass es kracht: Das Dekor seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts unverändert, die Kellner kurz vor der Pensionsgrenze, doch immer in schwarz-weiß gekleidet, aber die Speisen tipptopp und die „patatas fritas“ aus leckeren Kartoffeln frisch frittiert.

Wie überhaupt eigentlich das beste Essen in den unzähligen Spezialitätenrestaurants der Stadt zu finden ist. „Wie kann man ein Land regieren“, rief einmal der französische Staatspräsident Charles de Gaulle aus, „das 246 Sorten Käse hat?“ Doch was ist dagegen London, wo über 300 verschiedene Sprachen gesprochen werden! Das moderne Babylon ist der größte Schmelztiegel schon aus Tradition. London hat stets Neuankömmlinge assimiliert: Römer, Sachsen, Normannen, Iren und in späteren Zeiten Juden aus Deutschland, Schwarze aus der Karibik und Einwanderer vom indischen Subkontinent. Mit der Zeit werden aus allen Londoner. Aber zum Glück legen sie weiter Wert auf ihre eigenen kulinarischen Traditionen, weswegen London die Stadt mit der größten Vielfalt an ethnischen Küchen weltweit sein dürfte. Von Afghanisch bis Zulu – hier findet sich einfach alles.

Die kulinarische Vielfalt ist unglaublich

Zum Beispiel: Drummond Street, nahe dem Bahnhof Euston. Hier, wie das in London so oft üblich ist, hat sich eine kleine Gemeinde von Einwanderern zusammengefunden. Rund ein halbes Dutzend indischer Restaurants gibt es hier, und daneben eine ganze Reihe von kleinen Gemüse- und Eckläden, die Korianderpulver und Chilies verkaufen, Mangos und Okra feilbieten und für das spirituelle Wohl auch Ganesha-Statuen oder hinduistische Literatur im Angebot haben. Im „Diwana“ wird mittäglich ein preiswertes Büfett angeboten, das die ganze Vielfalt und Raffinesse der Gujarat-Küche demonstriert. Und die Speisekarte wartet zusätzlich mit südindischen Klassikern wie Dosa, den papierdünnen Pfannkuchen, oder mit Idli und Sambhar, Reisklößchen an Linsencurry, auf.

Oder: Chinatown, gleich um die Ecke vom Leicester Square, mitten in Soho. Früher gab es hier noch Opiumhöhlen und Bordelle, jetzt strotzt das Viertel vor chinesischen Supermärkten, Bäckereien und natürlich Restaurants. Mehr als 80 einschlägige Gaststätten gibt es, von denen einige das authentischste chinesische Essen in Europa anbieten. Besonders die „Dim Sum“ sollte man probieren, die so gut sind, dass für sie neureiche Chinesen aus Hongkong einfliegen. Die chinesischen Tapas, die nur bis 17 Uhr serviert werden, sind nicht nur preiswert, sondern auch ganz anders, als man die chinesische Küche gemeinhin kennt. Besonders zu empfehlen im „Golden Dragon“, weil dort der Speisesaal so riesig groß ist. Aber gute Dim Sum sind auf der ganzen Gerrard Street zu haben.

Sheperd PieUnd was ist mit dem englischen Essen? Das ist nicht so einfach. Zwar gibt es das „St. John Restaurant“, wo sich Fergus Henderson bemüht, die britische Küche zu revitalisieren. Und auch in manchen Gastropubs wird versucht, an alte Wurzeln anzuknüpfen. Besonders hervorgetan hat sich hier Starkoch Heston Blumenthal, der in seinem Restaurant „Dinner“ eine ganze Speisekarte ausschließlich mit der genialen Neuinterpretation von britischen Gerichten füllt, die bis zur Tudor-Zeit zurückgehen.

Aber gute englische Küche bleibt die Ausnahme. Um Klassiker wie „Sheperd’s Pie“, „Bangers and Mash“ oder „Sunday Roast“ sollte man als Kontinental-Europäer besser einen Bogen machen, wenn man nicht überzeugt ist, dass die Jungs in der Küche auch kochen können.

Ist London schön? Manchmal, wenn das Wetter mitspielt, vermittelt Holland Park mit seinen alten Kastanien und Wiesen eine solch satte Zufriedenheit mit dem Leben, dass man seinen Frieden mit diesem Moloch von Stadt finden könnte. Der majestätische Blick vom Südufer der Themse auf das Parlament, die magnolienweißen Fassaden im „Regent's Park“ im letzten Abendlicht oder das bauliche Ensemble der City, in der sich von der romanischen Kirche bis zum supermodernen High-Tech-Tower genug finden ließe, um eine komplette Architekturgeschichte zu illustrieren – all das sind Perspektiven, in denen London seine unverwechselbare Schönheit und Ästhetik zeigt. Aber im Grunde lässt sich das Wesen dieser Metropole nicht durch etwas Statisches wie Architektur erfassen. Dafür ist London viel zu sehr eine Stadt des Wandels und des Werdens. Ihr dynamischer Charakter drückt sich eher im Gewimmel der Portobello Road beim samstäglichen Markt, im quirligen Nachtleben von Soho und in der übergeschnappten Straßenkultur von Camden Town aus. Womit wir wieder beim „buzz“ wären: Hier brummt das Leben, hier findet sich, was junge Leute aus ganz Europa elektrisiert. Nein, besonders erholsam ist London selten. Aber immer quicklebendig. Eben der coolste Platz im ganzen Universum.

Jochen Wittmann

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