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Matsch, Eiswasser und Strom

So hart war Tough Mudder wirklich

Von Oona Mathys
Aktualisiert am 01. Apr. 2021

Beim Hindernislauf Tough Mudder warteten eine Strecke von 19,5 Kilometern, Schlamm und zwanzig Hindernisse auf über 11.000 Teilnehmer. Obwohl das Event auf einem Reitgelände stattfand, ist ein Tough Mudder Lauf bestimmt kein Ponyhof. Hier geht's zum Erfahrungsbericht!

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Inhaltsverzeichnis

  1. Pasta la Vista, Baby
  2. Auf in den Matsch
  3. Dreckslöcher und Matschküsse
  4. Zwischen Eiswürfeln und luftiger Höhe 
  5. Mach mir den Tarzan!
  6. Kriechen und Klettern
  7. Blaue Flecken für den Teamgeist
  8. Die letzten Kilometer
  9. Noch 10.000 Volt bis zum Ziel

Seit Oktober 2015 habe ich auf dieses Wochenende gewartet. Jetzt war das Tough Mudder Event in Hermannsburg zum Greifen nah. In den vergangenen Monaten bin ich in meiner Trainingsvorbereitung gehangelt, gerobbt und geklettert. Habe geschwitzt und bin an meine körperlichen und mentalen Grenzen gegangen. Ob es sich gelohnt hat? Ich sollte es an diesem Samstag herausfinden.

Outdoor-Hindernisläufe wie Tough Mudder werden bei Sportlern immer beliebter. Die Tickets sind meist trotz der hohen Preise von bis zu 105 Euro pro Person schnell ausverkauft. Alle, die schon einmal an so einem Outdoor-Hindernislauf teilgenommen haben, werden mindestens einmal von ihren Mitmenschen gefragt: “Warum tust du dir das an?“. Stromschläge, aufgeschürfte Knie und Eiswasser klingen in der Tat eher nach Quälerei als nach einem spaßigen Event, für das man auch noch viel Geld bezahlen soll.

Auch ich musste mich dieser Frage stellen, kann sie jedoch für mich ziemlich eindeutig beantworten. Schon seit ich ein kleines Mädchen bin, hasse ich Wettkämpfe. Alle Sportarten, bei denen es darum geht zu gewinnen, besser oder schneller zu sein als andere Sportler, lösen bei mir bis heute Schweißausbrüche und Angstzustände aus.

Bei Tough Mudder gibt es weder einen Gewinner, noch ein Siegertreppchen oder eine Zeitmessung. Es geht darum die Strecke und die Hindernisse im Team zu bewältigen, sich gegenseitig zu helfen und vor allem Spaß zu haben. Der Lauf ist zwar anspruchsvoll, aber man muss kein Supersportler sein um teilzunehmen. Hindernisse, die als zu schwierig oder zu gefährlich empfunden werden, können ausgelassen werden. Ich hatte jedoch den inneren Ansporn den kompletten Hindernislauf mit meinem Team zu bewältigen.

Pasta la Vista, Baby

Am Abend vor dem Event haben meine Teamkollegen und ich eine große Pasta-Party gefeiert. Her mit den Kohlenhydraten! Denn die füllen die Glykogenspeicher im Körper optimal auf und sichern uns die perfekte Energieversorgung beim Tough Mudder. Nachdem jeder von uns zwei Teller Nudeln verdrückt hatte, sind wir satt und kugelrund ins Bett gefallen, denn am nächsten Tag mussten wir früh hoch.

Auf in den Matsch

Laufsachen? Check. Verpflegung für unterwegs? Check. Tickets? Check.

Schon um kurz nach sechs Uhr morgens hieß es für uns: Ab ins Auto und auf zu Tough Mudder. Auf der Fahrt gingen wir noch einmal die Strecke durch und unterhielten uns über die einzelnen Hindernisse. Am Ort des Geschehens angekommen waren wir überwältigt von den Menschenmassen, die in schrägen Kostümen, sportlichen Outfits und mit Outdoor-Kameras bestückt zum Check-In strömten. Kurz darauf standen wir, mit unseren Startnummern auf der Stirn, im Warm-Up Bereich vor dem Start. Schon dort war die Stimmung einfach bombastisch. Mit über einhundert anderen Teilnehmern wärmten wir uns, durch den Motivator angeleitet, zu dröhnender Musik auf. Bevor es endlich losgehen konnte, legten wir im Sprechchor das Tough Mudder Gelöbnis ab.

„Ich weiß, dass Tough Mudder kein Rennen ist, sondern eine Herausforderung.
Ich gebe Teamwork und Teamgeist Vorrang vor meiner Streckenzeit.
Ich jammere nicht – jammern ist was für Kinder.
Ich helfe meinen Mudder-Kollegen die Strecke zu bewältigen.
Ich werde alle Ängste überwinden“

fitmelonie beim Tough Mudder Gelöbnis vor dem Lauf

Dreckslöcher und Matschküsse

Nach dem Startschuss ging es für unser Team ein paar Kilometer im lockeren Lauf durch den Wald, dann über ein paar aufgestapelte Heuballen und schließlich zum ersten Matsch-Hindernis. Wie bei einer Militärübung unter einem Netz aus Stacheldraht durch den Schlamm zu kriechen, fordert nicht nur Konzentration, sondern auch eine gute Körperspannung. Bei der Berliner Mauer wurde der Teamgeist unserer Gruppe erstmals auf die Probe gestellt. Die vier Meter hohe Wand konnten wir nur durch das Bilden von Räuberleitern, das Ziehen und Stemmen der einzelnen Teammitglieder bewältigen. Jedoch halfen wir nicht nur unseren Teamkollegen, sondern auch anderen Teilnehmern auf der Strecke über das Hindernis. Und das genau ist der Tough-Mudder Zauber: Menschen zu vertrauen und zu helfen, die einem eigentlich völlig fremd sind.

Zwischen Eiswürfeln und luftiger Höhe 

fitmelonie und ihr Team beim Artic Enema beim Tough Mudder Event

Wir hatten uns nach den ersten Stationen mittlerweile schön warmgelaufen und standen nun vor dem Hindernis, welches bei uns allen Gänsehaut auslöste – Arctic Enema 2.0. Ein riesiges Becken mit vier Grad kaltem Wasser, in das die Helfer fröhlich frische Eiswürfel kippten. Über eine Leiter ging es auf eine Plattform, von der man auf einer schrägen Rampe gezwungenermaßen komplett im Eisbecken baden ging.

Der Moment, in dem ich im eiskalten Schlammwasser eintauchte, nahm mir alle meine selbstverständlichen Körperfunktionen. Atemlos durch das Nass, sozusagen. Ich bekam keine Luft mehr, die Kälte breitete sich blitzschnell in meinem Körper aus und lähmte meine Arme und Beine. Jedoch musste ich erneut abtauchen und unter einer Hürde aus Autoreifen hindurchschwimmen. Dabei war das Wasser so dunkel, dass ich ständig Angst hatte nicht weit genug geschwommen zu sein. Zum Glück zogen mich meine Teamkollegen auf der anderen Seite mit vereinten Kräften aus dem Eisbecken. Wir waren uns danach alle einig, dass Artic Enema 2.0 wirklich eine Erfahrung am Limit war.

Mach mir den Tarzan!

Auf den folgenden Kilometern ging es für uns über matschige Wege und durch hüfttiefe Flüsse, die nach den ersten Strapazen schon den einen oder anderen Muskel schmerzen ließen. Als wir beim nächsten Hindernis ankamen, waren wir schwer beeindruckt.

Der King of Swingers, bei dem man von einer vier Meter hohen Plattform springen und sich an einem Pendel über dem schlammigen Wasserbecken festhalten muss, um eine Glocke zu berühren wäre für jeden Tarzan die reinste Freunde. Während das Hindernis bei mir schon leichtes Unwohlsein auslöste, dachten meine männlichen Teammitglieder schon vor dem Sprung darüber nach, sich ein zweites Mal anzustellen.

Oben auf der Plattform war ich ziemlich nervös, denn der Abstand bis zum schwingenden Pendel kam mir in meinen Augen ziemlich groß vor. So passierte, was passieren musste. Ich sprang, griff das Pendel, rutschte jedoch ab, fiel vier Meter in die Tiefe und landete mit einem Rückenklatscher auf der Wasseroberfläche. Als ich auftauchte spürte ich zwar, dass meine komplette Rückseite brannte, ich mich bei der unglücklichen Landung aber nicht ernsthaft verletzt hatte. Ich war trotzdem sehr stolz, dass ich meine Angst überwunden hatte und trotz aller Zweifel gesprungen war. Als ich nach oben schaute sah ich, wie mein Teamkollege an das Pendel sprang und aus dieser Höhe tatsächlich einen Salto machte. Verrückter Typ!

fitmelonie im Wasser beim Tough Mudder Event

Kriechen und Klettern

fitmelonie beim Tough Mudder Event auf der Strecke

Nachdem sich unser Team wieder gesammelt hatte, liefen wir mehr oder weniger lädiert weiter. Bei einigen stellen sich schon die ersten Krämpfe ein und ich hatte mit meinen Oberschenkeln zu kämpfen, die durch den Aufprall auf dem Wasser bei jedem Schritt schmerzten. Aber wir hatten ja gelobt nicht zu jammern.

Trotz der Schmerzen blieb der Spaß während des gesamten Laufes nicht auf der Strecke. Wir haben lachten unglaublich viel, die Stimmung war wahnsinnig gut, und es war toll, mit anderen Menschen zu laufen, die die gleiche mentale Einstellung hatten wie wir selbst.

Also meisterten wir auch den Cage Crawl. Sich rücklinks mit den Händen an einem Bauzaun durchs Wasser zu ziehen und dabei nur wenige Zentimeter Luft über sich zu haben, ist wahrscheinlich für jeden, der zu Platzangst neigt, der reinste Albtraum. Ebenso löste auch der sogenannte Geburtskanal, bei dem man unter einer mit Wasser gefüllten Plane vorwärts kriechen musste, bei dem einen oder anderen ein leicht beklemmendes Gefühl aus.

Anschließend ging es für uns wieder durch diverse Flüsse und über holprige Waldwege. An den folgenden Stationen wurde gehangelt und geklettert. Wir trugen Baumstämme und unsere Teamkollegen durch den Wald und mussten mehr als einmal unsere Koordination und unser Geschick unter Beweis stellen.

fitmelonie beim Cage Crawl beim Tough Mudder Event

Blaue Flecken für den Teamgeist

Schon von weitem sahen wir die „Pyramid Scheme“, das nächste Hindernis. Der Weg nach oben über die glatte Schrägwand konnte nur im Team bewältigt werden. Wir mussten eine Pyramide bilden, bei der ein Teamkollege angelehnt an der Wand auf den Schultern des anderen stand.

Immer wieder brach die Pyramide zusammen und wir rutschten kopfüber in die schlammigen Füße der anderen Teilnehmer. Nach und nach kletterten wir über die einzelnen Mit-Mudder nach oben und zogen die letzten Teammitglieder gemeinsam hinauf. Dieses Hindernis bescherte uns nicht nur den einen oder anderen blauen Fleck, sondern stärkte auch unseren Zusammenhalt als Team.

Die letzten Kilometer

Mittlerweile spürten wir fast alle die bereits zurückgelegten 18 Kilometer. Unsere Beine wurden immer schwerer, die Blasen an den Füßen machten sich bemerkbar und die nächste Wasserstation lag noch in weiter Ferne. Doch als Team haben wir uns immer gegenseitig motiviert und angespornt. Wir gaben nicht auf und erreichten gemeinsam das vorletzte Hindernis. Unter Berücksichtigung unserer körperlichen Verfassung erschien es uns fast unmöglich, beim Everst 2.0 eine fünf Meter hohe Quarterpipe hochzulaufen, wirklich oben anzukommen und nicht wieder auf dem Hintern nach unten zu rutschen. Kurz bevor ich loslief, merkte ich wie mein Körper trotz der Strapazen mit Adrenalin geflutet wurde und ich nur einen Gedanken hatte: Hoch. Du musst da hoch.

Ich rannte los, blickte nach oben und griff nach der Hand meines Teamkollegen, der mich über die letzten Zentimeter nach oben zog. Ich hatte es geschafft. Ich war unglaublich stolz auf meine Leistung und machte mich gleich daran, den anderen Mitgliedern meines Teams zu helfen.

Noch 10.000 Volt bis zum Ziel

Kurz darauf trennte uns nur noch ein Hindernis, die Electroshock Therapy, von der Ziellinie.

Wir hatten es fast geschafft. Auch wenn die Strecke mit 19,5 Kilometern länger war als ursprünglich angekündigt, kam das Ende plötzlich doch schneller als gedacht. Allerdings läuft man nicht täglich durch einen Vorhang aus 10.000 Volt. Wer schon einmal aus Versehen an einen Stromzaun gefasst hat, der weiß, was das für ein Gefühl ist. Unser Team sammelte sich ein letztes Mal und rannte gemeinsam mit einem Kampfschrei, die Arme schützend vor dem Gesicht, durch die Stromschnüre.

Wir hatten es geschafft! Wir beglückwünschten uns gegenseitig, denn wir waren jetzt echte Tough-Mudder. Dankbar nahmen wir unsere T-Shirts und unser Siegerbier entgegen.

In dem Moment überkam mich trotz der körperlichen Schmerzen ein unfassbares Glücksgefühl. In vier Stunden hatten wir alle Hindernisse gemeistert, sind ohne ernsthafte Verletzungen geblieben und als Team im Ziel angekommen. Und dieses Gefühl ist der Grund, warum ich definitiv nächstes Jahr wieder an der Tough Mudder Startlinie stehen werde.

Das Team nach dem erfolgreichen Tough Mudder

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