Wissenschaftlich geprüft
Februar 2019, Universitätsklinikum Leiden, Universität Wageningen, Universitätsklinikum Groningen und Jeroen Bosch Hospital

Eiweißdiät: Nicht für jeden geeignet!

Von Wenke Gürtler
Aktualisiert am 27. Mai. 2020
© Unsplash/Erol Ahmed
© Unsplash/Erol Ahmed

Eine proteinhaltige Ernährung liegt voll im Trend und soll die Gesundheit sowie den Muskelaufbau fördern und beim Abnehmen helfen. Allerdings gibt es Hinweise, dass eine eiweißreiche Kost die Nieren belasten kann, wenn eine bestimmte Erkrankung vorliegt.

share Teilen
print
bookmark_border URL kopieren

Worum ging es bei dieser Studie?

  • Lebensmittel mit der Extraportion Eiweiß, darunter Speiseeis, Müsli und Joghurt, liegen im Trend. Nun offenbaren niederländische Forscher, dass die eiweißreiche Kost zumindest bei Menschen mit Herzerkrankungen den Nieren schaden kann. Über 2000 ältere Probanden nahmen an der Studie teil. Sie hatten zuvor einen Herzinfarkt erlitten und waren daher im Vergleich zur allgemeinen Bevölkerung anfälliger für Nierenerkrankungen. Dabei konnten klassische Risikofaktoren wie Diabetes, Rauchen und Bluthochdruck den beschleunigten Rückgang der Nierenfunktion nur teilweise erklären – so rückte die proteinreiche Ernährung in den Fokus.

Wie lautet die zentrale Forschungsfrage?

  • Beeinträchtigt eine eiweißreiche Ernährung die Nierenfunktion älterer Patienten, die zuvor einen Herzinfarkt erlitten haben? 

Wie viele Probanden nahmen teil?

  • 4837 niederländische Patienten mit einem Herzinfarkt, der maximal zehn Jahren zurücklag, wurden für die Studie rekrutiert.
  • Probanden mit schwerer Herzinsuffizienz, unbeabsichtigtem Gewichtsverlust, Krebs, fehlenden Blutproben, unvollständigen Ernährungsdaten oder unplausibel hoher oder niedriger Energiezufuhr schieden aus.
  • 2248 Probanden mit einem Durchschnittsalter von 69 Jahren verblieben. Davon waren 80 Prozent männlich.

Welche Methode wurde angewandt?

  • Zu Studienbeginn erfragten die Forscher die aufgenommene Proteinmenge anhand eines Verzehrshäufigkeitsfragebogens (Food-Frequency-Questionnaire). 
  • Die Proteinaufnahme wurde pro 0,1 g/kg ideales Körpergewicht angegeben. Die Forscher ermittelten das ideale Körpergewicht durch Multiplikation des idealen BMI von 22,5 kg/m2 mit dem Quadrat der tatsächlichen Körpergröße (m) einer Person. 
  • Die Gesamtproteinzufuhr wurde in pflanzliches und tierisches Protein unterteilt; letzteres wiederum in Fleisch- bzw. Milcheiweiß.
  • Um die Nierenfunktion zu beurteilen, analysierten die Wissenschaftler zu Beginn und nach 41 Monaten aus Blutproben den Gehalt an Serumcystatin C und Serumkreatinin.

Leckere Rezepte für alle, für die eine Eiweißdiät in Frage kommt

Was sind die wichtigsten Ergebnisse?

  • Je höher die tägliche Proteinzufuhr war, desto schlechter arbeiteten am Ende die Nieren. Bei Probanden mit einer täglichen Proteinzufuhr von mehr als 1,2 g/kg ideales Körpergewicht nahm die Nierenfunktion doppelt so schnell ab, wie bei Personen mit weniger als 0,8 g/kg ideales Körpergewicht.
  • Am schlechtesten arbeiteten die Nieren bei Fleisch- und Pflanzenprotein, während die Nierenfunktion bei Milchprotein nur halb so stark zurückging. Letzterer Zusammenhang war jedoch nicht signifikant. 
  • Vermutlich schädigen Proteine in hoher Konzentration über die kleinen Blutgefäße die Nierenkörperchen. Demnach ist eine eiweißreiche Ernährung nicht für jeden von Vorteil.
  • Die allgemeine Empfehlung für die tägliche Eiweißzufuhr beträgt bei Erwachsenen 0,8 g/kg Körpergewicht. Wer an Herzerkrankungen leidet und sich eiweißreich ernähren möchte, sollte zuvor eine Nierenerkrankung ausschließen lassen.

Wer hat die Studie finanziert und durchgeführt?

  • Die Studie wurde durch die Dutch Kidney Foundation, die Dutch Heart Foundation und die National Institutes of Health finanziert und erschien im Journal Nephrology Dialysis Transplantation.
  • Verschiedene Wissenschaftler niederländischer Universitäten führten die Studie durch.

Wo ist die Original-Studie zu finden?

Hier gelangen Sie zur Studie.

Wie bewertet EAT SMARTER diese Studie?

  • Große Teilnehmerzahl: Eine Stärke dieser Studie ist die hohe Anzahl an Probanden (n=2248).
  • Vielversprechendes Studiendesign: Die Studie ist eine Kohortenstudie, bei der zu Beginn die Patienten mit Herzinfarkten eingeschlossen und über 41 Monate beobachtet wurden (Beobachtungsstudie). Dabei sind insbesondere Kohortenstudien hilfreich, Fragen nach der Häufigkeit und den Risikofaktoren einer Krankheit zu beantworten. Allerdings lassen sich die Ergebnisse nicht zwingend auf andere Populationen übertragen, schließlich sind Post-Herzinfarkt-Patienten anfälliger für Nierenerkrankungen.
  • Negative Störgrößen (Confounder): Die Probanden verzehrten die Proteine nicht isoliert, sondern als Bestandteile deiner Mischkost. Die bringt ein Potpourri an Nähr- und Vitalstoffen mit sich, von denen jeder einzelne individuelle Auswirkungen auf die Nierenfunktion haben kann. Daher ist es schwierig, einen beobachteten Effekt ausschließlich auf den Proteingehalt oder die Proteinquelle zurückzuführen.
  • Berücksichtigung vieler Confounder: Positiv zu bewerten ist, dass Confounder wie Alter, Geschlecht, Gesamtenergieaufnahme, Alkohol- sowie Zigarettenkonsum, körperliche Aktivität und Einnahme von RAS-Hemmern (Renin-Angiotensin-Hemmstoffe) berücksichtigt wurden. Auch fand neben der täglichen Aufnahme von gesättigten, mehrfach ungesättigten sowie einfach ungesättigten Fettsäuren, trans-Fetten (g/Tag) und Natrium aus der Nahrung auch das Vorkommen von Diabetes und eines systolischen Blutdrucks Berücksichtigung.
  • Wenige Messzeitpunkte: Die Wissenschaftler bestimmten die Abnahme der Nierenfunktion mit nur einer Messung zu zwei Zeitpunkten. Das kann die Präzision verringern. 
  • Aussagekräftige Nierenmarker: Mithilfe der Blutparameter Serumcystatin C und Serumkreatinin beurteilten die Forscher die Nierenfunktion. Insbesondere Serumcystatin C ist derzeit der genaueste Marker für die Nierenfunktion.
  • Unzureichende Befragungsmethode: Die Proteinaufnahme wurde anhand von Verzehrshäufigkeitsfragebögen erfasst, die die absolute Proteinaufnahme unter- oder überschätzen können. Auch fanden mögliche Änderungen der Proteinmenge keine Berücksichtigung, denn die Forscher unterstellten den Probanden, dass sie ihre Ernährungsgewohnheiten beibehielten.
  • Bereinigung der Daten: Das ideale Körpergewicht wurde anstelle des tatsächlichen Körpergewichts verwendet, da eine Normalisierung der Proteinzufuhr auf das tatsächliche Körpergewicht bei übergewichtigen und adipösen Patienten zu einem fälschlich hohen Proteinbedarf führen würde.
  • Es bleiben Fragen offen: Welche konkrete Proteinquelle belastet die Niere herzkranker Patienten nicht? Lassen sich die Erkenntnisse der Studie auf jüngerer Personen übertragen? Damit sind weitere Untersuchungen nötig.

Wissenschaftlich geprüft von unseren EAT SMARTER Experten
Schreiben Sie einen Kommentar