Orthorexie – wenn gesunde Ernährung zum Zwang wird | EAT SMARTER
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Orthorexie – wenn gesunde Ernährung zum Zwang wird

Manche Menschen versteifen sich auf eine zu gesunde Ernährung. © Konstantin Yuganov Manche Menschen versteifen sich auf eine zu gesunde Ernährung. © Konstantin Yuganov

Einige Menschen lehnen süße Köstlichkeiten und Desserts konsequent ab und achten pebibel darauf, dass alles, was sie essen, extrem nährstoffreich ist. Prof. Voderholzer erklärt, was passiert, wenn sich das Leben zu sehr um gesunde Ernährung dreht.

Wie wichtig sind kleine kulinarische Sünden für unser Wohlbefinden?

Prof. Dr. med. Ulrich Voderholzer: Sehr wichtig. Unser Essverhalten sollte keinesfalls starren Regeln unterliegen und jederzeit auch einmal einen extra Genuss ermöglichen. Insofern ist bereits der Begriff „kleine Sünden“ problematisch, wenngleich er natürlich weit verbreitet ist. Die Bezeichnung suggeriert in gewisser Weise leichte Schuldgefühle und Befürchtungen, zu viel oder das Falsche zu essen. Sofern wir aber nicht an Diabetes leiden, ist es für unser Wohlbefinden durchaus gut und hilfreich, wenn wir uns hin und wieder etwas besonders Leckeres gönnen.

Manche Menschen meiden konsequent süße und fettige Köstlichkeiten. Ein Fehler?

Prof. Voderholzer: Es kann zumindest auf ein größeres Problem hindeuten. Fakt ist: Sofern man normalgewichtig ist und keine Erkrankungen vorliegen, bei denen man Diät halten muss, sollte man regelmäßig Mahlzeiten zu sich nehmen, zu denen auch ein süßer Abschluss gehören kann. Wer körperlich fit ist, sich bewegt und sich nach dem Mittagessen oder dem Abendbrot ein kleines Dessert gönnt, macht absolut nichts falsch. Auch gegen ein Stückchen Kuchen am Nachmittag ist prinzipiell nichts einzuwenden. Problematisch ist es eher, wenn man auch außerhalb einer geregelten Mahlzeitenstruktur immer wieder Süßes und Fettiges nascht.

Experten sprechen von Orthorexie, wenn man sich zu sehr auf gesunde Ernährung fixiert. Was steckt dahinter?

Prof. Voderholzer: Die sogenannte Orthorexia nervosa ist eine Form der Essstörung, bei der in zwanghaft übertriebener Weise so stark auf vermeintlich gesunde Ernährung geachtet wird, dass das Leben dadurch eingeengt wird, man sich übermäßig mit dem Thema Essen beschäftigt und andere Lebensbereiche dadurch zu kurz kommen. Die Betroffenen verzichten auf Restaurantbesuche und sagen Einladungen zu Partys ab, weil sie dort in die Verlegenheit kommen könnten, nicht erlaubte Speisen zu sich zu nehmen. Außerdem versuchen sie, ihre Lebensweise anderen Menschen aufzuzwängen. Der Ursprung der Erkrankung liegt in dem Drang, sich besonders gesund ernähren zu wollen, um körperliche Schäden und Krankheiten abzuwenden. Das kann dazu führen, dass man es sich irgendwann nicht mehr erlaubt, von den selbst auferlegten Ernährungsregeln abzuweichen. Werden diese Regeln übertreten, leiden die Betroffenen an Schuldgefühlen.

Warum ist Orthorexie bislang nicht offiziell als Krankheit anerkannt?

Prof. Voderholzer: Es gibt zu wenige systematische Untersuchungen dazu. Zudem handelt es sich aus medizinischer Sicht um eine bestimmte Variante der Essstörung. Die Orthorexia nervosa lässt sich oft nur schwer von anderen Formen der Essstörung abgrenzen. Um ein Krankheitsbild als solches in ein Klassifikationssystem aufzunehmen, ist noch mehr Forschung erforderlich.

Wie viele Menschen leiden schätzungsweise unter dieser Form der Essstörung?

Prof. Voderholzer: Nach bisherigen Untersuchungen rund ein Prozent der Bevölkerung. Zwei Drittel der Betroffenen sind Frauen, ein Drittel Männer. Bei meinen Kollegen und mir wächst allerdings der Eindruck, dass das Störungsbild, zumindest in leichteren Formen, immer häufiger wird. Dies ist auch nicht verwunderlich, wenn man Faktoren wie den Überfluss an Lebensmitteln in unserer Gesellschaft und die vielen Nahrungsmittelskandale in den vergangenen Jahren betrachtet. Exakte Zahlen der Betroffenen lassen sich allerdings nur schwer ermitteln. Die meisten Menschen mit einem übertriebenen Ernährungsverhalten sind überzeugt von ihrem Handeln und würden verneinen, dass sie an Orthorexie leiden.

Gibt es Menschen, die besonders gefährdet sind, Orthorexie zu entwickeln?

Prof. Voderholzer: Ein übertriebenes, zwanghaftes Verhalten hat oft die Funktion, dem Leben mehr Sicherheit und Orientierung zu geben. Insofern besteht ein Erkrankungsrisiko, wenn andere Belastungen und Probleme und vielleicht auch negative, traumatische Erfahrungen im Zusammenhang mit der Ernährung vorhanden sind. Generell gelten Unsicherheiten und Ängste sowie ein mangelndes Selbstwertgefühl als Risikofaktoren für Essstörungen. Leidet jemand sehr unter solchen Zwängen und kommt aus eigener Kraft nicht mehr davon los, kann eine Psychotherapie hilfreich sein. Ziel ist es dann, dafür zu sorgen, dass der Betroffene ein normales Essverhalten erlernt und die damit verbundenen Ängste und Unsicherheiten bewältigt – was selbstverständlich auch für die Orthorexie gilt. Menschen, die besonders stark unter diesem Störungsbild leiden, werden aus diesem Grund manchmal in einer auf Essstörungen spezialisierten Klinik behandelt.

Interview: Janina Darm

Prof. Dr. med. Ulrich Voderholzer

Als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Schlafmedizin zählt Voderholzer unter anderem Zwangs- und Essstörungen zu seinen wissenschaftlichen Schwerpunktthemen. Von 2003 bis 2009 war er Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN). Seit 2010 ist er Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Schön Klinik Roseneck. www.schoen-kliniken.de

 

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