Orthorexie: Wenn gesundes Essen zum Zwang wird | EAT SMARTER
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Orthorexie: Wenn gesundes Essen zum Zwang wirdDurchschnittliche Bewertung: 5151

Hype oder echte Störung?

Orthorexie: Wenn gesundes Essen zum Zwang wird

Orthorexie – eine Störung? Orthorexie – eine Störung?

Will ein Orthorektiker einen Apfel essen, hat er ein Problem: Isst er die Schale, fürchtet er, Schadstoffe aufzunehmen. Schält er den Apfel, müsste er auf die wertvollen Inhaltsstoffe verzichten. Wer jedes Lebensmittel nur noch nach seinem gesundheitlichen Wert beurteilt, leidet an Orthorexie. Den Namen hat dieses Leiden seit 1997, seitdem wird das Thema immer wieder aufgegriffen. Doch es gibt auch Skeptiker, die nicht glauben, dass Orthorexie wirklich eine eigenständige Störung ist.

Mit einem Aufsatz fängt alles an: Der amerikanische Arzt Steven Bratman beschreibt 1997, wie gesundes Essen zum Zwang werden kann. Er berichtet über seine ersten Begegnungen mit Menschen, die genau so leben: Bratman lebt in einer Kommune, pflegt dort einen Obst- und Gemüsegarten. Regelmäßig kocht er für die Kommunenmitglieder. Doch das ist gar nicht so einfach: Manche leben vegan und hassen Zwiebeln, weil sie angeblich sexuelle Lüste auslösen. Andere fürchten sich vor Aluminiumtöpfen. Als Bratman eines Tages Gemüse schneidet, schreit ihn ein Mitglied an: "Hör auf damit! Du zerstörst ein ätherisches Feld!"

Bratman kommt zu dem Schluss: Dieses extreme Ernährungsverhalten ist krankhaft. Er nennt das Phänomen "Orthorexie". Orthorektiker zwingen sich, übertrieben korrekt zu essen. Und er stellt fest, dass er mittlerweile selbst Orthorektiker ist. Wenn er einen Apfel pflückt, muss er ihn sofort essen. Eine Viertelstunde später nämlich ist dieser Apfel für ihn Abfall. 2004 widmet Bratman seiner Krankheit das Buch "Health Food Junkies". Und er erklärt die Phänomene ausführlich.

Was ist Orthorexie?

Bratman leitet den Begriff Orthorexie von dem griechischen Wort "ortho" für korrekt ab. Orthorektikern ist nicht wichtig, wie viel sie essen. Sie wollen auch nicht um jeden Preis abnehmen. Für sie ist es wichtig, wie gesund ein Lebensmittel ist: Hamburger werden nicht wegen ihrer hohen Kalorienanzahl vom Speiseplan gestrichen, sondern weil ihr Fett die Arterien verstopft.

Der Beginn der Orthorexie kommt meist schleichend. Manchmal ist es nur die Angst vor zu hohen Cholesterinwerten, manchmal fürchten sich die Menschen vor Krankheitserregern. Anlass hierfür können Lebensmittelskandale wie BSE oder EHEC sein. Doch während andere Menschen die Lebensmittel dann nur zeitweise meiden, bleibt die Angst bei Orthorektikern bestehen. Und sie finden immer wieder neue Lebensmittel, die krank machen könnten. Am Ende denkt ein Orthorektiker den ganzen Tag über nur an gesundes Essen. Und er überlegt stundenlang, wie er seine nächste Mahlzeit am nährstoffschonendsten zubereiten kann.

Oft versuchen Orthorektiker ihre Mitmenschen ebenfalls von ihrer "gesunden" Ernährungsweise zu überzeugen. Durch ihre Disziplin und ihr Durchhaltevermögen fühlen sie sich anderen überlegen. "Jemand, der den ganzen Tag damit verbringt, nur Tofu und Kekse aus Quinoa zu essen, kann sich so heilig fühlen wie jemand, der sein ganzes Leben der Unterstützung der Obdachlosen gewidmet hat", schreibt Bratman.

Doch kann man dieses Phänomen wirklich als eigenständige Krankheit beschreiben? Dr. Anja Gottschalk, Verhaltenstherapeutin der auf Essstörungen spezialisierten Schön Klinik Roseneck, beschäftigt sich seit einigen Monaten sehr intensiv mit Orthorexie: "Die einzelnen Symptome kennt man. Sie können aber auch Ausdruck einer Zwangs- oder Essstörung sein." Bis heute gebe es noch keinen wissenschaftlichen Beweis, dass Orthorexie wirklich existiert und eine eigenständige Störung ist. Es gibt im Moment nur ein einziges Diagnose-Instrument, den von Bratman selbst entworfenen Fragebogen. Dieser besteht aus zehn Fragen. Beantwortet man alle mit "ja", soll man Orthorektiker sein.

Was sagen die Skeptiker?

Doch abgesehen von Bratman gibt es keine Orthorektiker, mit deren Hilfe man das Phänomen untersuchen könnte. "Es besteht ein großer Forschungsbedarf", fasst Gottschalk die aktuelle wissenschaftliche Situation zusammen. "In den Medien wird das Thema viel diskutiert, aber im Internet werden immer nur die gleichen Quellen zitiert." Sie selbst hatte noch keinen Patienten, den sie als Orthorektiker bezeichnen könnte. Aber sie hat täglich mit Patienten zu tun, die einzelne Symptome der Orthorexie zeigen. "Doch diese Symptome passen eher zu andere Essstörungen, wie zum Beispiel der Anorexia nervosa", erzählt Gottschalk. Anorexia nervosa ist der Name für Magersucht.

Auch andere Wissenschaftler vermuten, dass Orthorexie keine echte Störung ist. In einer aktuellen Studie fragt Dr. Walter Vandereycken, ob Orthorexie nun eine Modeerscheinung oder echte Störung sei. Mithilfe eines Fragebogens bewerteten 111 Psychologen, Ärzte, Krankenpfleger oder Sozialarbeitern die neue Essstörung. Sein Ergebnis: Ein Viertel der Experten hält Orthorexie für ein Produkt der Medien.

Was kann ich bei Verdacht tun?

"So lange es noch keine breit angelegten Studien belegen, kann niemand fest behaupten, dass Orthorexie ein eigenständiges Krankheitsbild ist", sagt Gottschalk. Dennoch sollte man Menschen, die man als Orthorektiker bezeichnen könnte, helfen. Denn ihr Verhalten könnte auch ein Zeichen für eine anerkannte Essstörung wie zum Beispiel Magersucht sein. Gottschalk empfiehlt denjenigen vorsichtig auf das Problem anzusprechen. "Man sollte seine Sorge zum Ausdruck bringen und seine Hilfe eher als ein Angebot als eine Forderung formulieren", so Gottschalk. Denn fehlende Therapieleitlinien bedeuten nicht, dass einem mutmaßlichen Orthorektiker nicht geholfen werden kann. Und Bratman? Er selbst behauptet mittlerweile nicht mehr, dass es sich um eine Krankheit handelt: "Ich überlasse diese Entscheidung den Experten." (bor)

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Beim recherchieren habe ich gefunden, dass Orthorexiein vielen Fällen Hintergründe einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung besitzt. Mein Leben als Orthorektikerin
 
Klarer Einspruch - das ist eine neurotische Störung, etwas, was den Beteiligten ganz sicher nicht bewusst ist bzw. nichts, gegen das sie etwas tun können. Es dürfte dasselbe sein, wie der Zwang, dauernd den Herd, Wasserhähne, das Schloss, Auto usw. zu checken - man WEISS eigentlich, dass es so ist, aber der Zwang schreibt eine andere Geschichte - so auch hier bei der Ernährung...
 
Man kann das Ganze auch als Fanatiismus bezeichnen. Eine eigenständige Störung ist es wohl eher nicht.