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Sportsucht – wenn Bewegung zum Zwang wird

Von Wenke Gürtler
Aktualisiert am 14. Sep. 2021
© Pexels/ Ketut Subiyanto
© Pexels/ Ketut Subiyanto

Während die einen nur einmal pro Woche die Turnschuhe schnüren, können andere vom Training gar nicht genug bekommen. Grundsätzlich tut uns Bewegung gut, doch zu viel Ehrgeiz und Besessenheit machen den Körper krank. Wir erklären, was es mit der Sportsucht auf sich hat.

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Inhaltsverzeichnis

  1. Was ist Sportsucht?
  2. Wie kommt es zur Sportsucht?
  3. Was sind die Folgen von Sportsucht?
  4. Wie erkenne ich Sportsucht?
  5. Wissen zum Mitnehmen

Dass Sport gesund ist, daran besteht kein Zweifel: Regelmäßige Bewegung schützt Herz und Gefäße, stärkt die Abwehrkräfte, hilft den Kopf freizubekommen und beugt Rückenschmerzen, Diabetes mellitus Typ 2 sowie Übergewicht vor. Wie so oft ist auch hier die Dosis entscheidend. Doch manche Menschen verlieren nach und nach jegliches Gespür für das gesunde Maß und schaden damit ihrem Körper.

Was ist Sportsucht?

Bei einer Sportsucht trainieren Betroffene exzessiv, ohne jedoch zwingend Wettkampfambitionen zu haben. Sie treiben nicht mehr selbstbestimmt Sport, weil sie Lust darauf haben, sondern weil sie den unkontrollierbaren Drang dazu verspüren. Dieses Verhalten wird bereits seit den 1970er-Jahren untersucht, dennoch ist das Phänomen nach wie vor wenig erforscht und wurde überwiegend in Ausdauersportarten – speziell im Laufen – thematisiert. Der Begriff existiert auch nicht in klinischen Klassifikationssystemen (ICD, DSM) und gilt damit nicht als offizielle Störung.

Dazu sei gesagt: Menschen, die viel Engagement und Zeit investieren, um sich etwa für einen Marathon oder Triathlon vorzubereiten, sind nicht automatisch abhängig. Gerade im Ausdauerbereich sind hohe Trainingsumfänge normal. Im Unterschied zu Süchtigen gehen ambitionierte Athlet:innen jedoch mit System vor und halten Ruhetage ein, um Fortschritte zu erzielen. Sie haben in erster Linie viel Freude und Spaß dabei – und tun dies nicht aus einem inneren Zwang heraus.

Außerdem gilt es zwischen primärer und sekundärer Sportsucht zu unterscheiden. Bei der primären Form ist der Fokus allein auf die körperliche Aktivität gerichtet. Hierbei handelt es sich allerdings um ein eher seltenes Problem: Schätzungen zufolge legen lediglich 1–5 Prozent der Ausdauersportler:innen Suchtverhalten an den Tag (1). Weitaus häufiger ist die sekundäre Form, die mit einer Anorexie oder Bulimie einhergeht: Etwa 25 Prozent der Essgestörten sind gleichzeitig sportsüchtig.

Merke!
Sportsucht lässt sich in zwei Arten unterschieden. Bei der primären Form verspüren Betroffene den inneren Zwang, sich exzessiv bewegen zu müssen. Häufiger ist die sekundäre Form, die zusammen mit einer Essstörung auftritt.

Wie kommt es zur Sportsucht?

Das Syndrom ist vermehrt im Ausdauerbereich anzutreffen, taucht aber auch in anderen Disziplinen auf. Beispielsweise bekommen im Bodybuilding manche Menschen nicht genug vom Muskelaufbau und leiden dann unter dem sogenannten Adonis-Komplex (2). Aber auch in Extremsportarten kann der Adrenalinkick abhängig machen. Oder wenn bereits eine Essstörung vorliegt: Personen mit Anorexie bewegen sich, um möglichst viele Kalorien zu verbrennen, diejenigen mit Bulimie hoffen, so ihre Fress­attacken auszugleichen.

Allgemein sind Frauen und Männer gleichermaßen gefährdet, allerdings sind Menschen anfälliger, die immer Leistung zeigen wollen und perfektionistisch veranlagt sind. Für sie kann ein kritisches Lebensereignis wie der Verlust des Jobs, Beziehungsprobleme oder ein Todesfall in der Familie zum Auslöser werden. Die entstandene Lücke wird dann etwa mit Laufen kompensiert.

Merke!
Es gibt viele Ursachen, häufig kommen drei Komponenten zusammen, die das Extremverhalten begünstigen: Personen betreiben Ausdauersport, sind perfektionistisch veranlagt und machen eine Lebenskrise durch.

Was sind die Folgen von Sportsucht?

Betroffene treiben Sport, ohne ein vorrangiges Trainingsziel zu haben. Aber sie schinden sich mitunter bis zur völligen Erschöpfung oder gehen mitten in der Nacht laufen – der Sport ist nicht mehr ein Teil des Lebens, sondern er dominiert es. Dadurch werden nicht nur Familie, Freunde und sogar die Arbeit vernachlässigt, sondern auch die eigene Regeneration.

Mangelt es dem Körper aber an Erholung, stagniert mit der Zeit die Leistung oder sie nimmt sogar ab. Nicht selten schwächt das extreme Pensum an Bewegung das Immunsystem oder überlastet Gelenke, Knochen und Sehnen. Es gibt sogar Fälle, in denen Menschen immer noch joggen, obwohl ihre Füße völlig kaputt sind.

Aber sie leiden ebenso, wenn die gewohnte Dosis ausbleibt und reagieren gereizt, launenhaft, nervös, unruhig, haben Schlafstörungen oder Magen-Darm-Probleme. Besonders gefährlich wird es, wenn Betroffene trotz Verletzung oder Krankheit weitertrainieren. Beispielsweise können sich durch eine verschleppte Erkältung die Herzmuskelzellen entzünden. Das kann das Herz dauerhaft schädigen und führt unbehandelt sogar zum plötzlichen Herztod.

Merke!
Sportsüchtige gönnen sich keine Pausen. Darunter können körperliche Leistung, Gesundheit, Sozial- und Berufsleben leiden.

Wie erkenne ich Sportsucht?

Nicht die Trainingshäufigkeit oder -dauer ist entscheidend, sondern welche Emotionen Sie mit dem Sport verbinden. Aufmerksam sollten Sie werden, wenn Sie das Gefühl verspüren, dass Sie keine Lust dazu haben, es aber trotzdem tun müssen. Oder der Sport Sie vereinnahmt und Ihren Alltag bestimmt. Womöglich gelingt es Ihnen auch nicht, kürzerzutreten und etwa durch Lesen, Meditieren oder simples Nichtstun für Entspannung zu sorgen; stattdessen haben Sie Entzugserscheinungen erlebt. 

Meisten kommt man nicht aus eigener Kraft aus der Abhängigkeit und benötigt Hilfe. Eine Psychotherapie ist eine gute Möglichkeit, um die Kontrolle wiederzuerlangen. Dafür ist die erste Anlaufstelle die Hausärztin beziehungsweise der Hausarzt. Betroffene müssen aber keine Angst haben, nie wieder sportlich aktiv sein zu dürfen, um nicht in alte Muster zurückzufallen. Denn anders als bei Alkoholismus, bei dem Alkohol lebenslang tabu ist, darf und sollte Sport in Maßen auch wieder ausgeübt werden – schließlich ist Bewegung gesund.

Merke!
Abhängigkeit, Leidensdruck und Kontrollverlust sind drei zentrale Anzeichen für einen Sportzwang. Mithilfe einer Psychotherapie lernen Betroffene wieder ein gesundes Maß zu finden.

Wissen zum Mitnehmen

Sportsüchtige leiden unter dem inneren Drang, sich zu bewegen und organisieren ihr Leben so, dass sie mehrere Stunden am Tag trainieren können. Allerdings ist nicht die Trainingshäufigkeit- oder dauer ein stichhaltiges Indiz, sondern welche Gefühle mit dem Sport verknüpft werden. So trainieren Betroffene nicht, weil sie Lust dazu haben, sondern den Zwang verspüren, es tun zu müssen. Steigt der Leidensdruck an und gerät das Pensum außer Kontrolle, sollte unbedingt professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden – denn unbehandelt hinterlässt der Raubbau am Körper dauerhafte Spuren.

Frauen und Männer sind gleichermaßen gefährdet, allerdings sind Menschen anfälliger, die immer Leistung zeigen wollen und perfektionistisch veranlagt sind. Ein traumatisches Lebensereignis kann dann zum Auslöser werden. Allerdings ist das Phänomen eher selten: Schätzungen zufolge sind lediglich 1–5 Prozent der Ausdauersportler:innen sportsüchtig. Weitaus häufiger ist der exzessive Bewegungsdrang in Verbindung mit Essstörungen wie Magersucht oder Bulimie. 


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