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Dünndarmfehlbesiedlung (SIBO) erkennen und behandeln

Von Wenke Gürtler
Aktualisiert am 10. Nov. 2020
© Pexels/ Andrea Piacquadio
© Pexels/ Andrea Piacquadio

Bauchschmerzen, Blähungen und Müdigkeit deuten auf eine mögliche Dünndarmfehlbesiedlung, auch SIBO genannt, hin. Erfahren Sie, was es mit der Erkrankung auf sich hat und wie eine Ernährungsumstellung Linderung verschafft.

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Inhaltsverzeichnis

  1. Was ist eine Dünndarmfehlbesiedlung? Was bedeutet SIBO?
  2. Dünndarmfehlbesiedlung: Symptome
  3. Wie entsteht eine Dünndarmfehlbesiedlung?
  4. Dünndarmfehlbesiedlung: was tun?
    1. Fremdlinge auf Kohlenhydrat-Null-Diät setzen
    2. Eiweiß und Gemüse sind Trumpf
    3. Mit Pro- und Präbiotika die Mikroben-WG aufbauen
    4. Mit Bitterstoffen gegen den Heißhunger
  5. Wissen zum Mitnehmen

Billionen Bakterien wohnen in unserem Darm – zusammen bilden sie die Darmflora. Normalerweise lebt der Großteil davon im Dickdarm. Dort zersetzen die Mikroben schwer verdauliche Stoffe und helfen dabei, Überreste in Stuhl zu verwandeln. Dagegen finden sich vergleichsweise wenige der kleinen Kerle im Dünndarm, wo die meisten Nährstoffe aus dem Nahrungsbrei aufgenommen werden. Unter bestimmten Umständen aber können die Dickdarmbewohner dahin gelangen, wo sie nicht hingehören – das bakterielle Ökosystem gerät aus dem Gleichgewicht.

Was ist eine Dünndarmfehlbesiedlung? Was bedeutet SIBO?

Wenn sich Bakterien aus dem Dick- vermehrt im Dünndarm ausbreiten, ist die Rede von einer Dünndarmfehlbesiedelung (DDFB), im englischen heißt das auch Small Intestinal Bacterial Overgrowth (SIBO). Dabei überwuchern die Fremdlinge diesen Abschnitt regelrecht und machen sich dann über das reiche Nahrungsangebot her. Das kann eine Reihe von Beschwerden auslösen.

Merke!
Gelangen Mikroben aus dem Dick- in den Dünndarm, und das in einem hohen Ausmaß, liegt eine Dünndarmfehlbesiedelung (englisch kurz: SIBO) vor.

Dünndarmfehlbesiedlung: Symptome

Tummeln sich die fehlplatzierten Bakterien in ihrem neuen Heim, essen sie sich am Nahrungsbrei satt. Dabei fermentieren sie Kohlenhydrate zu Gas. Das tun sie zwar auch im Dickdarm, allerdings liegen hier deutlich mehr davon vor und der Dünndarm reagiert sehr empfindlich auf Dehnung. Dadurch klagen Betroffene häufig über Bauchschmerzen, Blähungen und Völlegefühl, ebenso können Durchfall oder Übelkeit auftreten.

Mitunter greifen die Eindringlinge die Schleimhaut des Dünndarms an. Hier werden aber wichtige Mineralstoffe und Vitamine aufgenommen. Außerdem wechseln auf diesem Abschnitt Bestandteile der Fette, Proteine und Kohlenhydrate ins Blut über. 

Die Schädigungen behindern diese Nährstoffaufnahme. Mögliche Dünndarmfehlbesiedlung-Symptome sind dann Abgeschlagenheit, Gewichtsverlust oder Müdigkeit. Manchmal entsteht eine Blutarmut, die durch ein Defizit an Vitamin B12 verursacht wird. Ist die Fettaufnahme gestört, kann das auch einen Mangel an den fettlöslichen Vitamine A, D, E, K bedingen. Das wiederum kann entsprechende Folgen, wie Osteoporose oder Nachtblindheit nach sich ziehen.

Merke!
Die Fehlbesiedlung führt zu Bauchschmerzen, Blähungen, Völlegefühl, Durchfall oder Übelkeit. Mitunter treten auch Abgeschlagenheit, Gewichtsverlust, Müdigkeit oder Vitaminmangel auf, wenn die Dünndarmschleimhaut geschädigt wird.

Wie entsteht eine Dünndarmfehlbesiedlung?

Mithilfe der Muskulatur schleust der Dünndarm den Speisebrei vom Magen in den Dickdarm. Selbst wenn längere Zeit nichts gegessen wurde, bleibt diese Muskelaktivität intakt. Das sorgt auch dafür, dass Zahl und Zusammensetzung der Mikroben im Dünndarm konstant bleiben. Ist die Darmmotorik allerdings gestört, können sich die Keime schnell vermehren.

Dabei beeinträchtigen unter Umständen bestimmte Medikamente oder Autoimmunerkrankungen wie Sklerodermie die Muskelaktivität. Zudem kann der Dünndarm den Nahrungsbrei nicht richtig weiterbefördern, wenn die Darmnerven geschädigt sind. Das kann etwa infolge von Diabetes mellitus passieren.

Normalerweise verhindert eine Klappe, dass die Keime von einem in den anderen Darmabschnitt übersiedeln. Die sogenannte Ileozäkalklappe funktioniert wie eine Einbahnstraße: Der Speisebrei gelangt in den Dickdarm, kann aber nicht zurück. Ist die Funktion der Klappe gestört, gelangen die Dickdarmbewohner doch in den Dünndarm, wo sie nicht hingehören.

Gleichfalls begünstigen anatomische Veränderungen die Erkrankung: Dazu zählen Einengungen (Stenosen) infolge von Morbus Crohn, Aussackungen der Darmwand (Divertikel) oder ein sogenannter Blindsack, in dem sich Darminhalt ansammelt. Zudem birgt eine Magen- oder Darm-Operation ein Risiko für die SIBO. 

Merke!
Wenn die Darmmotorik gestört oder die Klappe zwischen Dünn- und Dickdarm beeinträchtigt ist, haben die Bakterien leichtes Spiel. Dabei können Diabetes mellitus, Sklerodermie, Morbus Crohn, Divertikel, Magen- oder Darm-Operation die Probleme auslösen.

Dünndarmfehlbesiedlung: was tun?

Wer unter wiederkehrenden Blähungen, Völlegefühl oder Durchfällen leidet und sich müde sowie abgeschlagen fühlt, sollte sich an den Hausarzt wenden – womöglich haben die Beschwerden eine andere Ursache. 

Grundsätzlich sollte die Therapie auf Ursachen, Symptome und Komplikationen eingehen und damit individuell auf den Patienten zugeschnitten sein. Mitunter empfiehlt sich auch eine Ernährungsumstellung. Allerdings sollte eine SIBO-Diät in jedem Fall medizinisch begleitet und in enger Absprache mit dem behandelnden Arzt durchgeführt werden. 

Fremdlinge auf Kohlenhydrat-Null-Diät setzen

Da Kohlenhydrate eine besonders beliebte Nahrungsquelle der Eindringlinge sind, empfiehlt sich hier eine Zurückhaltung, um Blähungen und Krämpfe zu lindern. Hierfür gilt es sechs Wochen auf Kohlenhydrate, insbesondere aus Weißmehl und Zucker, zu verzichten. 

Zusätzlich sollten Milchprodukte in den ersten Wochen gemieden werden, da sie durch den Milchzucker (Laktose) ebenfalls eine Kohlenhydratquelle darstellen. Auch Obst liefert Zucker; verzehren Sie daher nur zuckerarme Sorten wie Aprikosen, Avocado, Clementine, Honigmelone, Mandarine und Zitrone.

Eiweiß und Gemüse sind Trumpf

Was bleibt, wenn die Carbs wegfallen? Greifen Sie zu viel Gemüse, am besten gegart. Einmal wöchentlich kann ein Rohkosttag eingelegt werden. Dafür eigenen sich besonders Chicorée, Feldsalat, Kohlrabi, Möhren und Stangensellerie. Ergänzt wird der Speiseplan durch Nüsse, hochwertige Pflanzenöle, Fisch und Fleisch. Sehr gesund ist fetter Kaltwasserfisch wie Lachs, Makrele und Hering. Dabei ist wichtig, dass Essen immer gut zu kauen. So kann der angegriffene Verdauungstrakt die Speisen besser verwerten.

Nach den sechs Wochen wird die Kohlenhydrat-Diät gelockert. Dann können Sie Roggen, Dinkel und Buchweizen dazunehmen und die Menge an Obst erhöhen. Mit der Zeit geht auch Schokolade; am besten die dunkle Varianten mit mindestens 70 Prozent Kakaoanteil. 

Mit der Zeit können Sie immer mehr Lebensmittel hinzunehmen. Aber alles Schritt für Schritt, um den Bauch nicht zu überfordern. Vertrauen Sie auf Ihr Bauchgefühl: Kehren die Blähungen oder das Völlegefühl wieder zurück, war ein Unruhestifter dabei – ein Ernährungs- und Beschwerdetagebuch hilft, die individuelle Verträglichkeit festzustellen. 

Mit Pro- und Präbiotika die Mikroben-WG aufbauen

Beim Wiederaufbau und Erhalt eines gesunden Mikrobioms können Pro- und Präbiotika helfen. Bei den Probiotika handelt es sich um lebende Mikroorganismen wie Laktobazillen oder Bifidobakterien. Die Nützlinge überleben die Magenpassage, können die Zusammensetzung der Darmflora regulieren und die Barrierefunktion des Darms stärken. Die kleinen Helfer finden sich in milchsauren Produkten wie Joghurt, Kefir, Buttermilch oder Sauerkraut.

Präbiotika meinen hingegen die unverdaulichen Pflanzen- und Faserstoffe, die Wachstum und Aktivität der nützlichen Untermieter im Dickdarm fördern. Darunter fällt zum Beispiel Guarkernmehl oder Inulin, das in Chicorée, Topinambur, Artischocken, Knoblauch und Zwiebeln steckt. Die Präbiotika werden von den Bakterien verarbeitet – dabei entstehen Vitamine und kurzkettige Fettsäuren, die sich positiv auf das Darmmilieu auswirken.

Mit Bitterstoffen gegen den Heißhunger

Süßigkeiten sollten erst ganz langsam wieder eingeführt werden. Da das nicht immer leicht fällt, sind Bitterstoffe die perfekte Geheimwaffe. Durch den herben Geschmack lässt der Appetit schneller nach, sodass es leichter fällt, weniger zu essen. So kann insbesondere der Süßhunger gebremst werden.

Zudem regulieren Bitterstoffe die Darmmotorik und steigern die Magen- und Gallensaftsekretion. Das fördert die Verdauung. Die Helferlein finden sich in frisch gebrühten Kaffee, aber auch in Artischocken, Chicorée und Löwenzahn. Zudem gibt es sie in Tropfenform zu kaufen.

Merke!
Verursacht eine Grunderkrankung die SIBO, muss diese gezielt behandelt werden. Ein vorläufiger Kohlenhydratverzicht kann Bakterien im Dünndarm aushungern. Während Pro- und Präbiotika die Darmflora stärken, bremsen Bitterstoffe die Lust auf Süßes.

Wissen zum Mitnehmen

Wenn die Darmmotorik gestört oder die Klappe zwischen Dünn- und Dickdarm beeinträchtigt ist, können sich unerwünschte Bakterien im Dünndarm ausbreiten. Dort machen sie sich über das reiche Nahrungsangebot her. Das löst unter anderem Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall oder Müdigkeit aus. 

Bei Verdacht auf Dünndarmfehlbesiedlung gilt es, die Ursache ärztlich abzuklären. Liegt eine Grunderkrankung als Ursache für die SIBO vor, muss sie gezielt behandelt werden. Ebenso ist eine Ernährungsumstellung sinnvoll, welche die Eindringlinge aushungern soll. Dazu gilt es weitgehend auf Kohlenhydrate zu verzichten. Zudem können Pro- und Präbiotika die Mikroben an den richtigen Stellen stärken, während Bitterstoffe die Lust auf Süßes mildern.


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