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Meine Geschichte

Raus aus der Essstörung, rein ins Leben!

Von Oona Mathys
Aktualisiert am 06. Sep. 2018

Magersucht ist in der heutigen Zeit, in der uns täglich Models in XXXS-Größen und strikte Abnehmprogramme begegnen, allgegenwärtig. In unserer Gesellschaft stehen dünne Körper für Disziplin und Kontrolle und nicht für eine ernsthafte Essstörung. Angelehnt an die vergangene "Eating Disorder Awareness Week" möchte ich mit meiner Geschichte mehr Bewusstsein schaffen und aus meiner Sicht zeigen, was hinter der Krankheit steckt.

49 Kilo Gewicht

"Du musst doch einfach nur essen!" Diesen Satz habe ich während der schlimmsten Phase meiner Essstörung oft gehört. Von Freunden, von Bekannten, ja sogar von Ärzten. Ich habe gegessen, ja. Aber pro Tag nur einen Apfel oder mal ein Knäckebrot.

Als ich im Jahr 2010 aus meinem Auslandsaufenthalt zurückkehrte, war ich leicht übergewichtig. Nicht viel, aber genug, um mich selber in meiner Haut nicht mehr wohlzufühlen. Kurzerhand stellte ich meine Ernährung um. Abnehmen und wieder schlank sein, das war mein Plan. Ich führte ein Ernährungstagebuch und trug alle meine Mahlzeiten und Snacks mit Kalorienangaben dort ein. Daran ist erst einmal nichts auszusetzen. Doch jeden Tag wurden die Mahlzeiten, die ich eintrug winziger, die Kalorien geringer. Morgens: Knäckebrot mit Kräuteraufstrich und Käse, einen Apfel. Als ich herausfand, wie viele Kalorien eine Scheibe Gouda hat, wurde der Gouda gestrichen. Am nächsten Morgen gab es nur Knäckebrot mit Kräuteraufstrich. Zudem meldete ich mich im Fitnessstudio an und besuchte täglich zwei bis drei Kurse.

Kalorien verbrennen. Abnehmen. Endlich dünn sein. Der übermäßige Sport und die stark kalorienreduzierte Diät zeigte schnell seine Wirkung. Innerhalb von sechs Monaten nahm ich knapp 12 Kilo ab und hatte damit mein ursprüngliches Gewicht erreicht. Mein Umfeld reagierte unglaublich positiv und beglückwünschte mich zu meiner Transformation. Ab diesem Zeitpunkt hatte sich jedoch etwas in mir verselbständigt, was ich nicht mehr kontrollieren konnte. Meine Gedanken kreisten rund um die Uhr um Kalorien. Ich wollte mehr abnehmen, mich noch mehr kontrollieren und trotz geringer Nahrungsaufnahme Höchstleistungen erbringen. An einem Abend schrieb ich in mein Tagebuch : "Bitte bitte, warum kann ich nicht 49 Kilo wiegen?".

Wenige Wochen später hatte ich durch extremes Hungern auch dieses Gewicht erreicht. Magersüchtige entwickeln komische Angewohnheiten, um das Bedürfnis nach Essen im Griff zu haben. Ich war sehr stolz auf mich, als ich einen Apfel mit Messer und Gabel aß und dafür über eine Stunde brauchte. Trotzdem hatte ich Hunger. Jede Esssgestörte die sagt, dass sie Essen verabscheut und nicht hungrig ist, erzählt meiner Meinung nach nicht die Wahrheit. Der Körper braucht Nahrung, um zu funktionieren und da ich kaum etwas aß, bin ich stundenlang durch die Lebensmittelstände und Restaurants in Einkaufszentren gelaufen und habe mir vorgestellt, was ich alles essen könnte.

Letzten Endes habe ich mir nur einen Kaffee gekauft und eine halbe Wagenladung Süßstoff darin ertränkt. Meine Tage waren routiniert und geplant. Aufstehen, wiegen. Eiskalt duschen und mich nicht abtrocknen, weil dadurch angeblich mehr Kalorien verbrannt werden, wiegen. Unmengen an Kaffee und Wasser trinken, wieder wiegen. Jede Veränderung auf der Waage musste beobachtet und protokolliert werden.

Die Waage war mein Altar und entschied über mein Befinden und meine Stimmung.

Gewicht runter, guter Tag. Gewicht rauf, schlechter Tag. Ich erinnere mich, dass ich zu Beginn meiner Essstörung einen Arzt aufsuchte und auf seiner Waage ein Kilogramm mehr wog, als auf meiner zu Hause. Der Kommentar des Arztes während er ein Käsebrötchen (in der Praxis) aß: "Sie sind doch noch gar nicht so magersüchtig!"

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Bisherige Kommentare

 
Liebe Oona, das ist ein wirklich toller Artikel und ich konnte mich in vielem wieder finden. Seit ich 10 Jahre bin leide ich schon unter Depressionen und mit 12 kam dann die Magersucht dazu. Ich wog damals bei einer Größe von 163 zwar „noch“ 46kg aber mir ging es seelisch sehr schlecht, meine Haare fielen aus. Ich versuchte dann von allein mein Gewicht zumindest zu halten und nahm auch zu woraufhin die dann wieder Diäten folgten. So geht es jetzt seit über 10 Jahren. Ich bin heute 23 Jahre, 1,63m und wiege 57 kg was ich natürlich als viel zu viel empfinde obwohl ich vom Verstand her weiß dass es nicht so ist. Mit 16 hatte ich meinen ersten Spontan Rippenbruch, es folgten bis 2016 noch 4 weitere. Wahrscheinlich habe ich Osteoporose aber das konnte man nicht richtig feststellen weil es angeblich in meinem Alter keine Vergleichswerte gibt. Ich benutze nun schon seit fast 2 Jahren die Kalorien App von YAZIO, mal gehen die Kilos runter dann wieder rauf. Trotzdem kann ich ohne die App nicht leben und denke insgeheim immer dass sie mir ja doch noch helfen könnte etwas abzunehmen und meine erträumte Modelfigur zu erreichen. Ich weiß dass das Quatsch ist aber ich kann es einfach nicht ändern. Vielleicht hast du ja ein paar Tipps für mich? Liebe Grüße Susann
 
Hallo liebe Susann, vielen lieben Dank, dass du deine Geschichte so offen geteilt hast. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es immer wieder rauf und runter geht - in den letzten 8 Jahren habe ich oft gedacht, dass ich wirklich geheilt bin, obwohl mein Verhalten (Low-carb, Fitnesswahn) im Endeffekt nur eine Verschiebung der Essstörung war. Bei mir hat die Arbeit mit einem Therapeuten (erst nach 6 Jahren war ich das erste Mal bei der Therapie) unglaublich geholfen mein eigenes Verhalten zu verstehen und zu erkennen, wann aus mir die Essstörung spricht. Falls du es noch nicht getan hast, kann ich dir wirklich empfehlen mit einer externen, geschulten Person darüber zu sprechen. Allgemein braucht die Heilung einer Essstörung einfach sehr lang. Mittlerweile nach 8 Jahren würde ich von mir selber sagen, dass ich geheilt bin. Allerdings habe auch ich immer mal wieder „essgestörte Gedanken“ - mit Hilfe einer Therapeutin konnte ich lernen sie zu erkennen und ihnen keine allzu große Bedeutung zu geben („ Aha, da ist sie wieder! Ich habe sie erkannt und kann die Gedanken vorbeiziehen lassen) Ich hoffe meine Sicht der Dinge hilft dir ein bisschen, nicht zu streng zu dir zu sein. Sich selbst zu verzeihen und nach einem „essgestörten“ Tag wieder bei 0 anzufangen ohne sich zu bestrafen, ist der erste Schritt. Liebe Grüße, Oona
 
hallo, ich finde den artikel gut. Mir geht es ähnlich, ich lange magersüchtig und bulimisch- insgesamt 4 oder 5 Jahre. Ich habe lange gebracuht um meinen Weg zu finden. Jetzt spiele ich American Football, mache Kraftsport und habe durch den Sport meinen Körper wieder entdeckt und gelernt mich mit all meinen Macken zu lieben, und wenn ich sie nicht immer liebe dann akzeptiere ich sie =)
 
Hallo, ich finde den Bericht sehr gut. Leider machen meine Eltern und ich uns sehr große Sorgen um meine Schwester. Seit zwei Jahren geht sie ins Fitnessstudio und wird seitdem immer dünner. Sie ist 1,68 m groß und wiegt 50 kg. Noch ist das nicht allzu bedrohlich denke ich, aber seit ich gesehen habe, dass sie nur noch einen Körperfettanteil von 11.7% hat, mache ich mir noch mehr Sorgen! Außerdem hat sie mir erzählt, dass ihre Haare ausfallen und gleichzeitig sagt sie ständig, ihre Oberschenkel seien so dick geworden und sie müsse unbedingt mehr Sport machen... wie soll ich bloß an sie herankommen, wenn sie selbst das Problem nicht sieht? Hast du einen Tipp? Hoffnungsvolle Grüße, H.
 
Hallo, ich würde mir gerne mehr Zeit dafür nehmen. Magst du mir eine E-Mail and oona@eatsmarter.de schicken? Damit wir in Ruhe darüber sprechen können? Liebe Grüße, Oona

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