Dezember 2019, Universität Tokio, Japan

Schon leichter Alkoholkonsum fördert Krebs

Von Cornelia Brammen
Aktualisiert am 24. Mär. 2021

In der medizinischen Forschung entpuppt sich Alkohol immer deutlicher als ein gefährlicher Faktor für Krebserkrankungen. Umstritten ist, in welchen Mengen Alkohol krebserregend ist und welche Faktoren das Risiko parallel erhöhen. Diese Studie liefert Antworten.

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Worum ging es bei dieser Studie?

  • Bei der japanischen Bevölkerung tritt signifikant häufiger als in anderen Bevölkerungsgruppen eine Abweichung im Stoffwechsel auf. Das ALDH2-Enzym, verantwortlich für den Abbau von Acetylaledyd, also Alkohol, fehlt bei vielen Japanern. Einige Studien hatten bereits Hinweise dafür geliefert, dass Alkohol das Risiko für Harnleiter- und Prostata-Krebs bei Japanern erhöhen könnte.
  • Die Studie stellt die Hypothese auf, dass angesichts dieser Stoffwechsel-Besonderheit bereits leichter und moderater Alkoholkonsum in Japan das Risiko für Krebserkrankungen erhöht.
  • Die Amerikanische Gesellschaft für Klinische Onkologie hat bekannt gegeben, dass fünf Prozent aller Krebs-Neuerkrankungen auf Alkoholkonsum zurückzuführen sind. Betroffen waren Mund, Kehlkopf, Speiseröhre, Brust, Darm und Leber. 
  • Auch in Deutschland wird immer häufiger vor Alkohol gewarnt. Der Leitfaden Ernährungstherapie in Klinik und Praxis 2019 sagt: Da keine Angaben zur Alkoholmenge gemacht werden können, die bei regelmäßigem Konsum als unbedenklich bezüglich verschiedener negativer gesundheitlicher Folgen bezeichnet werden kann, soll auf den Konsum alkoholischer Getränke komplett verzichtet werden.

Wie lautet die zentrale Forschungsfrage?

  • Inwieweit erhöht leichter bis moderater Alkoholkonsum das Risiko in Japan, an Krebs zu erkranken?

Wie viele Probanden nahmen teil?

  • Die Studie untersuchte die Daten von 126.464 Krankenhauspatienten (63.232 Krebspatienten und 63.232 Patienten ohne Krebsdiagnose) der Rosai Hospital Group in Japan, die 20 Jahre oder älter waren und zwischen 2005 und 2016 stationär in einem der 33 Krankenhäuser der Gruppe aufgenommen wurden.

Welche Methode wurde angewandt?

  • Es handelt sich um eine nicht-inverventionelle sekundäre Fall-Kontroll-Studie.
  • Untersucht wurden die Daten von zwei Gruppen: Menschen mit einer Krebsdiagnose sowie Menschen, die in Geschlecht, Alter und Aufnahmetag im Krankenhaus mit der ersten Gruppe übereinstimmten, jedoch keine Krebsdiagnose hatten.
  • Für alle Probanden wurde aus den vorhandenen Daten (Ernährungsprotokolle) ermittelt, wieviele „Trinkjahre” sie aufwiesen. Dazu multiplizierten die Forscher die Menge an täglich konsumiertem Alkohol mit den Jahren, in denen die Probanden überhaupt Alkohol getrunken hatten. Abstinenzler, also Menschen, die nie in ihrem Leben Alkohol getrunken hatte, wurden als Referenzgruppe herangezogen.

Was sind die wichtigsten Ergebnisse?

  • Alle Krebspatienten hatten mehr getrunken als die Nicht-Krebspatienten.
  • Verglichen mit der Gruppe der Abstinenzler (kein Alkoholkonsum) hatten alle Alkoholtrinker ein deutlich höherer Risiko, an Krebs zu erkranken – vor allem im Mund- und Verdauungsbereich, aber auch für Brust- und Prostatakrebs.
  • Auch Patienten, die zwei oder weniger Drinks am Tag (umgerechnet auf Sake, einem japanischen Reiswein) zu sich genommen hatten, zeigten höhere Erkrankungsraten bzw. ein erhöhtes Risiko, zu erkranken.
  • Nach zehn Jahren leichtem Alkoholkonsum steigt das Risiko, an Krebs zu erkranken, um fünf Prozent gegenüber Abstinenzlern.

Wer hat die Studie finanziert und durchgeführt?

  • Die Studie wurde durch das japanische Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Wohlfahrt sowie durch die Japanische Gesellschaft für Wissenschaft gefördert.  

Wo ist die Original-Studie zu finden?


Begriffe: Was ist/sind eigentlich...?


Wie bewertet EAT SMARTER diese Studie?

  • Riesiger Datesatz und komplexes Studiendesign: Daten von fast 130.000 Menschen, die alle nach dem gleichen Muster erhoben wurden, sind ein valider Untersuchungsgegenstand. Die wissenschaftliche Fragestellung ist sauber dargelegt und methodologisch verfolgt worden. Das Forschungsteam ist selbstkritisch mit möglichen blinden Flecken umgegangen und hat diese thematisiert. Sie fallen angesichts des eindeutigen Ergebnisses nicht schwer ins Gewicht, können jedoch bei zukünftigen Untersuchungen berücksichtigt werden.
  • Relevanz für Europa: Es gibt keine Zahlen zur Alkoholintoleranz bei Europäern. Allgemein wird davon gesprochen, dass rund 50 Prozent der Japaner (auch Chinesen) nicht über das Enzym ALDH2 verfügen, Alkohol also nicht verstoffwechseln können. Unabhängig von dieser Gen-Besonderheit zeigt die japanische Studie jedoch, dass schon leichter bis moderater Alkoholkonsum das Risiko erhöht, an Krebs zu erkranken – egal, ob mit oder ohne ALDH2. Insofern ist das Studienergebnis auf für Europäer relevant. Zur Erinnerung – zwei Sake (zwei Deziliter) pro Tag über zehn Jahre konsumiert erhöhen das Erkrankungsrisiko um fünf Prozent. Und Alkohol ist nur ein Risikofaktor.
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