Keto-Diät-Erfahrungen: Ein Interview

Von Lisa Meister
Aktualisiert am 19. Dez. 2019

Sie ernährt sich seit sieben Jahren ketogen. Wie das so ist, was zu dem Wandel geführt hat und ob sie auch mal sündigt, haben wir Julia Tulipan, die Co-Autorin des Buches „Der Keto-Kompass“, gefragt. Lesen Sie hier ihre persönlichen Erfahrungen zur Keto-Diät.

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Als Biologin und Ernährungswissenschaftlerin hält sie Vorträge, leitet Seminare, schreibt Bücher und hat einen eigenen Blog. 2012 entdeckte sie die Keto-Diät für sich.


Was war der Auslöser für Ihre Ernährungsumstellung?

Für mich ist die ketogene Ernährung aus meinem eigenen Leidensdruck heraus entstanden. Ich war nie übergewichtig, habe mich gesund sowie ausgewogen ernährt und viel Sport gemacht. Als ich Ende 20 war, fiel es mir aber schwer, mein Gewicht zu halten. Ich fing an nur noch 1000 Kilokalorien zu essen und ging fünfmal die Woche zum Thaiboxen.

Jedoch nahm ich weiter zu und vor allem meine Schlafqualität wurde deutlich schlechter. Das war, als hätte jemand plötzlich den Schalter umgelegt. Zudem ging es mir psychisch nicht gut und aufgrund starker Rücken- und Kopfschmerzen griff ich viel zu Schmerzmitteln. So konnte es für mich nicht weitergehen. Also habe ich begonnen, mich mit wissenschaftlicher Literatur zum Stoffwechsel zu beschäftigen. So bin ich erst bei der Low-Carb-Ernährung und anschließend bei der Keto-Diät gelandet.

Welche Veränderungen konnten Sie bei sich feststellen?

Meine Stimmung hat sich innerhalb von zwei Wochen deutlich aufgehellt. Das ging wirklich schnell und ist nicht nur mir, sondern auch meinem Umfeld aufgefallen. Zusätzlich konnte ich wieder besser schlafen, meine chronischen Schmerzen sind abgeklungen, ich hatte mehr Energie und war leistungsfähiger.

Meine Gewichtsabnahme hat noch ein bisschen auf sich warten lassen. Das fand ich aber nicht so schlimm, denn ich fühlte mich gut und allein das zählte zu Beginn. Nach einiger Zeit konnte ich auch wieder alles essen, ohne es auf die Präzisionswaage zu legen und ohne weiter zuzunehmen.

Wie viel haben Sie mit der Keto-Diät abgenommen?

Ich wiege jetzt genauso viel wie vor der Umstellung auf Keto, aber ich habe viel weniger Körperfett. Das fällt schon auf, weil der Körper anders aussieht. Es ist mir deswegen wichtig zu vermitteln, auch in meinen Beratungen, dass es nicht nur ums Gewicht geht, sondern auch darum, wie sich das Körperfett zur Muskelmasse verhält. Bei einem schwer übergewichtigen Patienten zählt das Gewicht natürlich auch.

Neben der Körperform, die sich bei mir massiv verändert hat, kann ich mein Gewicht endlich problemlos halten, auch den Körperfettanteil. Und was noch viel wichtiger ist, dass ich jetzt meinem Körper vertrauen kann und dank Intuition die richtigen Lebensmittel esse, um alle wichtigen Nährstoffe zu erhalten. Der Körper weiß nämlich ganz gut von selbst, was er braucht.

Was waren für Sie die größten Herausforderungen zu Beginn der Keto-Diät?

Ich stand mir mit meiner eigenen Fettphobie im Weg. Jahrelang habe ich mich sehr fettarm mit Vollkornprodukten und vielen Ballaststoffen ernährt. Genau so wurde es einem immer vermittelt. Im Supermarkt habe ich die Regale nach fettarmen Produkten abgesucht. Dieser Schritt, plötzlich alle Speisen zusätzlich mit Fett anzureichern, fiel mir zunächst schwer. Doch daran habe ich mich gewöhnt und heute schmeckt es mir.

Wie sieht ein klassischer Keto-Tag bei Ihnen aus?

Ich habe weniger häufig das Bedürfnis zu essen, denn diese Ernährungsweise hat durch das viele Fett einen hohen Sättigungsgrad, sodass ich häufig fünf bis sechs Stunden keinen Hunger verspüre. Deswegen esse ich meistens zwei Hauptmahlzeiten und häufig noch eine Kleinigkeit zwischendurch. Das kann zum Beispiel eine Handvoll Nüsse sein oder auch ein Stück 90 prozentige Schokolade.

Ich stehe zwischen halb sechs und sechs auf, trinke dann einen ganz normalen Kaffee, keinen Bulletproof-Coffee, und nehme zwischen neun und halb zehn ein Frühstück zu mir. Das besteht dann meistens aus Eiern und Gemüse wie Paprika oder Gurke. Manchmal gibt es auch etwas Schinken dazu. Mittags esse ich zwischen zwei und halb drei. Auf meinem Teller landet dann in der Regel viel Gemüse und in Butter gebratenes Hühnchen oder Fisch.

Ich denke, es ist wichtig, nicht verbissen vorzugehen. Wenn ich mehr trainiere, dann habe ich auch mehr Hunger und esse dementsprechend mehr oder auch, wenn ich einfach Hunger habe.

Machen Sie auch Ausnahmen und essen mehr Kohlenhydrate als erlaubt?

Ja, ab und zu drücke ich mal ein Auge zu. Wenn es zum Beispiel in einem Hotel ein tolles Frühstücksbuffet gibt, greife ich schon einmal zu einer Scheibe Sauerteigbrot. Aber das sind wirklich große Ausnahmen. Ich habe mir auch schon ein Croissant beim Bäcker gegönnt – einfach, weil es so lecker aussah. Ich musste dann aber feststellen, dass es nicht so köstlich schmeckte, wie ich es in Erinnerung hatte.

Gewissensbisse plagten mich aber keine. Für mich zählt, wie ich mich an 360 Tagen im Jahr ernähre und nicht an den restlichen fünf.

Zu Beginn der Ernährungsumstellung können grippeähnliche Symptome auftreten, die nach kurzer Zeit wieder abklingen. Hatten Sie mit der sogenannten Keto-Grippe zu kämpfen? 

Nein, zum Glück nicht. Aber ich höre immer wieder, dass viele am Anfang darunter leiden. Ich empfehle, darauf zu achten, genug Salz zu sich zu nehmen. Wenn die Kohlenhydratzufuhr abnimmt, sinkt auch das Insulin im Körper und es wird mehr Salz ausgeschieden.

Zwar werden die meisten von Ihnen jetzt denken, dass zu viel Salz nicht gesund ist, aber wer frische und gute Lebensmittel isst, muss auch mehr von dem Gewürz zuführen. Es ist außerdem wichtig, ausreichend zu trinken. Der Körper braucht einfach seine Zeit, bis er sich umgestellt hat. Die Symptome der Keto-Grippe sollten dann auch automatisch wieder abklingen.

Für wen ist die Keto-Diät nicht geeignet?

Es gibt angeborene, seltene Stoffwechselerkrankungen, bei denen gibt es eine absolute Kontraindikation. Außerdem würde ich Keto nicht mit Kindern machen. Es sei denn, sie brauchen es aus therapeutischen Gründen. Schwangere und Stillende sollten generell keine Diät machen, das gilt auch für die Keto-Diät. Das Risiko einer Stoffwechselentgleisung ist in dieser Zeit höher.

Auch für Menschen mit einer Essstörung ist eine ketogene Ernährung nicht ratsam. Sollten Sie mit fettreichen Lebensmitteln eher auf Kriegsfuß stehen, macht eine andere Ernährungsform für Sie vermutlich mehr Sinn. Ansonsten ist meine Empfehlung, einen zyklischen Ansatz zu wählen und ketogene Phasen einzubauen.

Welche Tipps können Sie anderen Menschen aus Ihren eigenen Keto-Diät Erfahrungen geben?

Es ist wichtig, sich vorab genau zu informieren. Am besten verwenden Sie Bücher oder suchen sich eine andere vertrauenswürdige Quelle. Verbannen Sie alle Lebensmittel aus dem Haus, die Sie in Versuchung führen könnten. Haben Sie außerdem Snacks wie gekochte Eier oder ein Stück Käse im Kühlschrank, mit denen Sie eine Heißhungerattacke schnell bekämpfen können.

Wenn Sie sich einen Ernährungsplan machen und sich zudem Ihre Speise für den nächsten Tag vorkochen, müssen Sie nicht täglich neu überlegen, was Sie essen möchten. Das spart nicht nur Zeit, sondern auch Geld und sie haben stets eine leckere Keto-Mahlzeit parat. Essen Sie sich mit den richtigen Lebensmitteln satt und bleiben nicht hungrig. Das ist ganz wichtig, denn sonst wird der Gang vorbei am nächsten Bäcker zur Qual.

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