Essverhalten von früher Kindheit geprägt

Von EAT SMARTER
Aktualisiert am 27. Dez. 2018
Essverhalten von früher Kindheit geprägt
Essverhalten von früher Kindheit geprägt

Manche Lebensmittel lieben wir ein Leben lang heiß und innig, andere können wir nicht ausstehen. Warum das so ist, erklärt Ernährungspsychologe Christoph Klotter.

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Wird unser Geschmackssinn tatsächlich schon während der Schwangerschaft beeinflusst?

Ja! Bereits in der Schwangerschaft wird der Geschmack trainiert und geprägt. Das heißt nicht, dass wenn eine Mutter viel Salat isst, ihr Kind Salat ebenso lieben wird. Aber als Fötus hat man postnatale Geschmackspräferenzen. Man kann süß, sauer, salzig und bitter wahrnehmen. Wobei süß automatisch als ungiftig deklariert wird – das ist evolutionsbiologisch bedingt. Sauer und bitter stehen für eine mögliche Gefahr.

Und wie geht es weiter im Baby- und Kleinkindalter?

Erste Empfindungen mit Essen und daran geknüpfte Erfahrungen fangen bereits beim Stillen an. Wir nehmen wahr, ob die Mutter genügend Zeit hat, ob sie uns mit Lust füttert und sich vielfältig ernährt hat. Kinder orientieren sich von Anfang an an ihren Eltern. Sie übernehmen ihren Habitus: Was die Eltern essen, möchten sie auch haben und sie beobachten genau, was gegessen wird.

Wenn Eltern ein Stück Kuchen essen, suggeriert das dem Kind: „Aha, ich kann das ebenfalls essen, es ist nicht giftig, meine Eltern sind nicht tot umgefallen.“ Essen hat mit Evolution zu tun und ist die erste Sprache, über die wir kommunizieren. Es steht für Behaglichkeit und Sicherheit. Zudem sind wir konservativ in unserem Essverhalten – auch das ist prägend.

Im Supermarkt wählen wir etwa aus zig verschiedenen Joghurtsorten immer wieder die gleichen aus. Wir sind Gewohnheitstiere und essen das, was wir schon immer gegessen haben. Das gibt uns soziale und kulturelle Identität. Gewisse Muster ändern wir nur sehr selten.

Warum mögen wir bestimmte Lebensmittel besonders gern und manche gar nicht?

Die ersten Erfahrungen mit Essen prägen uns ein Leben lang. Hirnforscher sagen, dass nach den ersten zwei Jahren unsere neuronale Vernetzung festgelegt ist. Das heißt, bis dahin werden unsere Geschmacksvorlieben und Ernährungsgewohnheiten bestimmt. Wer etwa viel Fleisch isst, wird auch später noch viel Fleisch essen. Wenn ein Kind vielfältige Ernährung erfährt, wird es dem sein Leben lang folgen.

Wenn es aber hauptsächlich Pizza und Pasta isst, wird es schwierig, offen gegenüber anderen Lebensmitteln zu sein. Eine Studie aus Skandinavien belegt: Wer bis zu seinem dritten oder vierten Lebensjahr aktiv beim Thema Essen von seinem sozialen Umfeld involviert wird, mit in den Supermarkt geht, Mahlzeiten mitgestaltet, der wird immer neugierig sein.

Wer negative Erfahrungen macht, seine Autonomie nicht ausleben kann oder unter Zwang etwas essen soll, bei dem bleiben teils ein Leben lang Abneigungen gegenüber gewissen Lebensmitteln bestehen. Ich mochte sehr lange keine Rote Bete – wir waren einfach keine Freunde!

Essen Sie bis heute keine Rote Bete oder konnten Sie Ihre Abneigung überwinden?

Die habe ich überwunden. Dazu muss man aber selbst über seinen Schatten springen. Neben dem konservativen System sind wir mit zwei weiteren ausgestattet: dem Konkurrenzsystem – wir möchten sozial besser dastehen, essen Sushi oder üben uns im Vegetarismus – und dem Explorationssystem.

Das heißt: wiederentdecken, korrigierte Erfahrungen machen und Lebensmittel in einen neuen Kontext bringen. Wenn uns das gelingt, können wir Ungeliebtes neu erfahren und auch lieben lernen. Mittlerweile esse ich wieder Rote Bete.

Weshalb schmeckt es mit bestimmten Personen oder an speziellen Orten besonders gut?

Essen schafft neben Identität auch ein Heimatgefühl. Mit Essen sind ganze Lebensgeschichten verbunden: Es symbolisiert Geborgenheit und löst Gefühle in uns aus – die können negativ oder positiv sein. Wir erinnern und assoziieren Lebensmittel mit spezifischen Situationen. Ein Grund, weshalb es bei den Großeltern schon mal besser schmecken kann als zu Hause – auch wenn es sich um das gleiche Gericht handelt. Der Kontext ist ein anderer und daran orientieren wir uns.

Welche Rolle spielen soziale Unterschiede bei unserem Geschmacksempfinden?

Soziale Schichten determinieren, was wir essen. Biologische Produkte sind zum Beispiel ein Zeichen für Bessergestellte, während Kinder aus unteren Schichten oft ungesünder essen. Hier wird weniger Wert auf gesunde Lebensmitteln gelegt – und so wird schon mal schneller ein Schokoriegel oder auch Chips gegessen.


PROF. DR. HABIL. CHRISTOPH KLOTTER

Christoph Klotter ist Gesundheits- und Ernährungspsychologe an der Hochschule Fulda. Er studierte Mathematik, Philosophie und Psychologie. Seine Hauptthemen sind Essstörungen und die psychischen Auswirkungen auf das Essverhalten. Weitere Informationen unter www.hs-fulda.de.

(nh)

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